Nehmen Sie kritisch Stellung!
Schemenhafte Erinnerungen an die allerletzten Züge meiner eigenen Schulzeit, aber viel mehr Erfahrungen mit dem Schulstoff heutiger Jugendlicher, bringen mich dazu, mich immer wieder über das, was man so gerne kritische Stellungnahme nennt, maßlos aufzuregen.
Und wenn man Diskussionen in politischen Foren verfolgt, wird der Aufreger nicht gerade geringer. Der Begriff kritische Stellungnahme wird für mein Empfinden so langsam synonym mit dem Begriff selbstgerechte Totalverblödung .
Ich bin sicher, es liegt auch an unserem Schulsystem. Und nein: ich meine nicht den vielgeschmähten Frontalunterricht! Ich meine auch nicht das vielgeschmähte Auswendiglernen! Beides ist weit besser als sein Ruf. Das zeigt nicht nur die PISA-Studie, bei der uns die Ostasiaten (Japan, Korea), die beides viel mehr als wir pflegen, weitaus überlegen waren.
Man erkennt’s auch an den 68ern. Man kann die mögen oder nicht mögen, man kann sie als Alt-68er, die niemals erwachsen werden wollten, verspotten (und ich gehöre zu denen, die das gerne tun ), man kann sie sogar hassen und für alles Beschissene der Welt verantwortlich machen ! Aber eins kann man nicht tun:
Man kann ihnen nicht absprechen, dass sie kritisch waren!
Kein Schwein hat sie dazu “angeregt”. In ihrer Schulzeit war Frontalunterricht angesagt und kritische Bemerkungen von Schülern unerwünscht…. sie zu machen, erforderte Mut. Und weil’s Mut erforderte, erforderte es auch Nachdenken, ob die “kritische Bemerkung” , die einem durch den Kopf schoss, nicht vielleicht saublöd sein könnte und man sie deswegen besser unterlässt.
Heute bringt’s Fleißbildchen, wenn ein Schüler sich “kritisch” äußert…. und zwar unabhängig davon, ob die Äußerung saublöd oder sinnvoll ist. Hauptsache sie erfüllt die Bedingung “kritisch” und das tut sie am besten, wenn sie so geartet ist, wie der Herr Lehrer oder die Frau Lehrerin selber annodunnemals - als es noch mutig war - gerne Kritik geübt hat. Oder eher ‘hätte’, wenn er/sie sich getraut hätte!
Junge Leute(auch die mit Abi) haben eine erschreckend miserable Ahnung von Geographie… suchen Pakistan in Südamerika und halten Nepal für eine Stadt in Italien . Hauptstädte, Flüsse etc. kennen sie gar nicht. Klar, können sie ja auch nicht! Darüber kann man ja nicht ‘kritisch diskutieren’, das würde ja Frontalunterricht und Auswendiglernen erfordern,…. und wenn man sowas von Schülern verlangt, dann mutieren sie automatisch zu Blödis mit Untertanengeist - sind quasi schon fast Nazis. Und wir haben ja aus der Geschichte gelernt Der Frontalunterricht war’s, der ein ganzes Volk zu Nazis werden ließ… endlich ham wir’s erfasst …..das machen wir nicht nochmal…. WOW
Wenn die Apologeten dieser Weisheit so lang wie dumm wären, könnten sie aus der Dachrinne Kaffee trinken. Aus der Dachrinne eines 5-stöckigen Altbaus!
Leider bestimmen solche Leute die Lehrpläne
Ein Beispiel einer Klausur (wieder aus dem Geographieunterricht):
Nehmen Sie kritisch Stellung zu Material A.
Material A ist ein schlecht kopiertes Blatt, auf dem schief ( alles, was Lehrer kopieren, ist schief auf dem Papier…warum eigentlich? ) ein sterbenslangweiliger Artikel über die Landwirtschaft Malis aufgedruckt ist.
Jetzt interessiert die Landwirtschaft Malis keine Sau (und das braucht auch keinen zu interessieren) und man kann Wirtschaftsboss, Staranwalt, Nobelpreisträger und vermutlich sogar Agrarökonom mit Doktortitel werden ohne zu wissen, dass irgendjemand in Mali überhaupt Landwirtschaft betreibt! Entsprechend wenig interessiert das auch Schüler einer 11. Klasse. Insbesondere ist es ihnen komplett unmöglich, dazu kritisch Stellung zu nehmen.
Deshalb wird das ja auch nicht verlangt!
Deshalb wird auch nur verlangt, dass der Schüler die Punkte, die er unter der Überschrift ‘kritische Anmerkungen zu der Landwirtschaft Malis’ einige Tage zuvor von der Tafel in sein Heft abgeschrieben hat, auswendig wiedergibt. Das reicht für eine 3. Formuliert er es mit eigenen Worten um, gibt es eine 2. Bringt er es zustande, die Punkte mit Textbausteinen aus Material A einigermaßen intelligent zu durchmischen, ist das eine 1.
Jetzt wäre das alles gar nicht so schlimm…. ich bin - wie gesagt - gar nicht so ablehnend gegenüber Auswendiglernen eingestellt. Das schärft das Gedächtnis und die sehr nützliche Fähigkeit, sich Eselsbrücken zu bilden. Und man lernt sowieso einen Haufen Mist, den man nicht braucht.
Aber man sollte das Kind beim Namen nennen. Man sollte Auswendiglernen nicht “kritische Stellungnahme” nennen!
Denn dadurch wird nicht nur Zeit für wichtigeren Lernstoff verplempert, dadurch passiert auch etwas Schädliches, was man bei Diskussionen im Internet und selbst in TV-Diskussionsrunden oft sieht:
Die Leute halten sich für kritisch, wenn sie kritiklos das nachplappern, was unter dem Label ‘kritisch’ von Medien vorgekaut wird. Ob sie dabei Ahnung von dem Thema haben oder nicht, erscheint ihnen komplett belanglos…. schließlich hatten sie ja damals auch keine Ahnung von der Landwirtschaft Malis, um für ihre kritische Stellungnahme dazu eine gute Note zu bekommen.
Wenn der absolut identische Lehrstoff unter dem Etikett Belehrung verkauft würde, wär’s schlimmstenfalls unsinnig, aber dennoch ok. Man muss nicht alles selber wissen. Man darf schon lernen - vor allem in der Schule
Aber da wo Belehrung als “kritische Stellungnahme” verkauft wird, wird sie zur Indokrination.
Der Mensch verliert die Fähigkeit, zwischen vorgefertigter Kritik und eigener zu unterscheiden. Und das finde ich schade. Das finde ich sogar bedenklich. Vielleicht ist es sogar noch bedenklicher als das Verbot jeglicher Kritik ( das ich selbstverständlich auch beschissen finde!). Verbote regen allerdings wenigstens noch ein paar Mutige dazu an, sie zu brechen.
Der Mensch hat ein Bedürfnis, Kritik zu üben. Wenn dieses Bedürfnis von der Schule mit Instant-Kritik befriedigt wird und das Nachplappern von Instant-Kritik honoriert wird, dann erlahmt die Fähigkeit zu echter Kritik.





Kommentar von Übertragung vom alten Blog
3. Juni 2007 @ 16:19
bisher 13 Kommentar(e) TrackBack-URL
Kicked (27.9.06 16:57)
Ab jetzt bin ich, dank diesem Text, hier oefter dabei.
Acht-der-Schwerter / Website (27.9.06 21:27)
Dankeschön, Kicked, ich hoffe, es gefällt Dir auch weiterhin
Friedel (27.9.06 23:31)
Mir geht es genau so wie Kicked (wenngleich ich “dank dieses Textes” gesagt hätte). Ich habe den Artikel soeben mit großer Begeisterung und völliger Zustimmung gelesen. Ich bin ebenfalls in einer Zeit zur Schule gegangen, in der Kritik zumindest bei einem Teil der Lehrerschaft äußerst riskant war und kann somit bestätigen, dass dieses Risiko keineswegs das Duckmäusertum gefördert, sondern lediglich die Duckmäuser von den Zivilcouragierten geschieden hat. Der Einschätzung des Auswendiglernens und des Frontalunterrichts stimme ich ebenfalls zu.
Um es kurz zu machen (denn “es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget”): Das Lesezeichen für “Acht-der Schwerter” ist gesetzt. Ich wünsche Ihrem Blog von Herzen viel Erfolg!
Mir (27.9.06 23:46)
Ist das Dein Blog, Eisvogel? Aber auch wenn nicht: Gute Arbeit. Wenn Du Dir wirklich die Mühe machen würdest, noch weitere Beiträge von Fjordman zu übersetzen, würde ich das für eine sehr gute Ergänzung halten. Ich habe natürlich alle (?) schon auf Englisch gelesen, aber je mehr Leute diese Informationen zu lesen bekommen, desto besser. Auf der Leiste mit den Links fehlen mir ein paar wichtige Seiten, aber dafür wirst Du schon Deine Gründe haben. Das Handbuch für Israelkritiker gefällt mir jedenfalls auch sehr gut.
Einen Leser mehr hast Du jetzt (auch wenn Du nicht Eisvogel bist).
Momo (28.9.06 00:35)
Ja genau so erlebe ich das mit meinen Religionsschülern in der Oberstufe. Ueber alles sollten wir mit ihnen in unserem Erlebnisuntericht kritisch diskutieren, doch Stoff pauken, damit sie auch eine Grundlage haben, auf der sie sich eine Meinung bilden können, ist nicht möglich, weil Frontal-Unterricht und Noten bei uns tabu sind.
Der Unterricht wird so oft zu einem langweiligen Austausch über vorgekaute Mainstream- Instantansichten. Lerneffekt gleich null! Aber nett ist es.
Hawkeye (28.9.06 01:27)
Mann muß sie (die Lehrerschafft) beim Wort nehmen.
Ich haben es immer getan. Es war Lustig, Alt 68´er mit eigenem vokabular zu konfrontieren. Einen Deutschlehrer habe ich gefragt, jetzt wo er Beamter ist, ein hübsches Auto fährt und in der feinen Vorstadt wohnt, was für ein Gefühl das ist, seine eigenen Werte Verkauft zu haben.
(Ich war bei ihm eh untendurch, weil ich es gewagt hatte Kleist´s Marquise albern und den Plott Absurd und Überdreht zu nennen.)
Worauf ich hinaus will, kein Lehrer möchte eine “Kritische Stellungnahme”. Was sie Meinen, wenn sie sagen “Kritisch” ist: Antikapitalistisch, Antiamerikanisch, Antimode…….
Kurz, gegen alles, was zu der Zeit, als sie selbst sich kritisch nannten, Mainstream war.
Sie haben verschlaffen, das diese, oben kurz angerissene Haltung, heute längst der Mainstream ist. Also, eine Kritische Haltung in ihrem Sinne es nur dann wäre, wenn mann: Prokapitalistisch, Proamerikanisch, ProZeitgeist…. ist.
Wenn das aber jemand tut, könnte es sein, das der Alt 68´er, Kirchenkritik hin oder her, Den Exorzisten anruft.
In jedem Fall, tut es der Benotung selten gut. Wie bei mir, und meinem Deutschlehrer. Er hat es mir nie vergessen.
Acht-der-Schwerter / Website (28.9.06 10:04)
Vielen Dank für die zustimmenden Kommentare . Es tut mir wirklich gut, zu sehen, dass ich mit dieser Ansicht nicht alleine stehe. Meine eigene Schulzeit lag gerade in der Zeit der “großen Revolution” - ich habe beides mitbekommen und war natürlich begeistert von der Aufforderung zur Kritik und Dummdreistigkeit. Es gibt Tagebuchaufzeichnungen von mir aus dieser Zeit, wo ich mich “kritisch äußere” - selbstgerecht, dümmlich, uninformiert und heute schon alleine beim Ansehen schmerzlich totenpeinlich
Erstaunt habe ich feststellen müssen, dass gerade das, was mir bei mir selber inzwischen als furchtbar peinlich-kindisch erscheint, in den Schulen inzwischen Mainstream ist und immer noch als “kritisch” gilt.
Ja, lieber Mir, ich bin Eisvogel.
Was die Blogroll angeht, habe ich vorerst mal alles aus meinen Favoriten übernommen, also das, was ich auch relativ regelmäßig lese. Da sind keine tieferen Gründe dahinter, wenn etwas Wertvolles fehlt - ich bin Dir sehr dankbar, wenn Du oder andere mich draufhinweisen, was da noch reingehören könnte.
o.h. (28.9.06 11:25)
Das liegt, einfach gesagt, an der feminisierung des Unterrichtes. Frontalunterricht fällt Jungs leichter und sie sind damit erfolgreicher. Das ist aber ja nicht mehr gewünscht, stattdessen wird fast ausschliesslich Unterreicht gemacht der Mädchen in ihrer lernform bevorzugt. Deshalb machen 55% der Frauen Abi aber nur 45% der Männer.
Acht-der-Schwerter / Website (28.9.06 14:09)
Ich denke, Du hast wohl recht, o.h.
Obwohl ich selber weiblich bin, fällt mir das auch auf. Das typisch-weibliche/typisch-männliche Lernverhalten ist ja lediglich eine statistische Neigung und passt nicht in 100% der Fälle mit dem echten Geschlecht zusammen. Ich hab’s inzwischen auch gern, wenn ich jemandem, der mehr weiß als ich, still zuhören darf ohne unter dem Druck zu stehen, mich zu etwas äußern zu müssen, wo ich noch eine unwissende Halbidiotin bin. (und ich glaube, mir hätte das auch zu Abi-Zeiten so besser gefallen…. aber wer hätte sich oder gar anderen das damals eingestanden? Es war ja schon peinlich und “verdächtig” genug, eine 1 in Mathe zu haben und während Geschichte/Gemeinschaftskunde vor Langeweile fast einzugehen )
Als Elternteil eines Sohnes bin ich dann später gelegentlich sehr heftig mit feministischen Lehrerinnen zusammengerasselt. Es ist wirklich was dran - typisch Jungenhaftes wird verteufelt, am liebsten wär’s manchen Lehrerinnen ( und Lehrern!!) die Jungs würden sich benehmen wie Mädchen.
Hamilton (28.9.06 16:58)
http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,439628,00.html
Dieser Artikel fiel mir in dem Zusammenhang auf. Nein, ich will nicht den paar Irren, die solche Antraege wie in dem Artikel beschrieben das Wort reden, egal welcher Coleur sie sind. Typisch ist aber, mit welch selbsgerechtem Ton in der deutschen Presselandschaft immer wieder mehr oder weniger relevante Beispiele aus dem angeblichen “Land der begrenzten Moeglichkeiten” und meiner Wahlheimat und als Sau durchs virtuelle Dorf getrieben werden.
Unerwaehnt bleiben natuerlich die unzaehligen schwachsinnigen Antraege bei der der deutschen Behoerde fuer jugendgefaehrdenden Schrifen (deren schiere Existenz man einfach mal ueberdenken sollte), die in Form, Farbe und Funktion kaum anders sind als die Aufgeregtheiten diverser amerikansicher Eltern, Gruppen, etc.
Und die Realitaeten bzgl. des “kritischen” Umgangs mit unterschiedlichen (!) Meinungen und Autoren in deutschen Unterrichtsraeumen faellt natuerlich komplett unter den Tisch.
Und bevor man die vereinzelte amerikanische oeffentliche Buecherei (zurecht) fuer das etwas unreflektierte Konfliktvermeiden in Form von Buecherentfernung kritisiert, sollte man erst mal gucken, was in deutsche oeffentliche Bibliotheken erst gar nicht eingestellt wird - meist aus Geldmangel.
Mir (28.9.06 22:55)
@ Acht-der-Schwerter
Ich würde zum Beispiel Mimus Vitae und empfehlen.
Acht-der-Schwerter / Website (29.9.06 11:36)
Mimus Vitae habe ich aufgenommen. Danke, Mir.
Danke für den Link, Hamilton. Das ist wohl leider typisch Spiegel - allerdings ist der Spiegel ganz und gar nicht alleine mit der Ansicht.
Natürlich finde ich das auch lächerlich, Bücher wie “Harry Potter” als gefährlich einzustufen, aber ich glaube, das ist wirklich nicht das Problem. Es herrscht leider in Europa eine Meinung über die USA vor, es würde sich dabei überwiegend um “wildgewordene Cowboys” und “christliche Spinner” handeln, die über keinerlei “erhabene” Kultur verfügen wie die Europäer.
Das ist lächerlich - insbesondere, da es übewiegend von Leuten kommt, die eine sehr eingeschränkte und fast verbiesterte Einstellung zu Kultur haben - z.B. von Leuten, die selber über “Harry Potter” die Nase rümpfen - zwar nicht weil es irgendwie “satanisch” ist, aber weil es viel zu wenig erhobene Zeigefinger enthält.
Ich sehe so gern Krimis. Ich kann die deutschen Produktionen- z.B. Tatort - inzwischen aber nicht mehr ertragen. Überall der erhobene Zeigefinger, allenthalben die Ideologie, die vermittelt wird: “Der Typ im Maßanzug ist ultraböse, das junge Mädchen wurde vom Vater sexuell missbraucht und der kleinkriminelle Penner oder der Türke hat ein gutes Herz…”
Ich teile die Ansichten der Christfundamentalisten auch nicht, aber so langsam kommt mir der Gedanke, dass die Tatsache, dass es sie in den USA überhaupt gibt , in Deutschland jedoch überhaupt nicht, ein größeres Bekenntnis zur Freiheit ist als das, was uns als “die Mutter aller freiheitlichen Gesellschaften” - das Europa von heute - verkauft wird.
Acht-der-Schwerter / Website (29.9.06 11:38)
In dem Fjordman-Artikel, dessen Übersetzung ich heute noch einstelle, geht es übrigens auch und vorwiegend über die Beziehungen/Unterschiede/ Gemeinsamkeiten zwischen dem “Alten Westen” und dem”Neuen Westen”.