Islam, die Griechen und die wissenschaftliche Revolution - Teil 3

Orignial vom 4. Oktober 2007: Islam, the Greeks and the Scientific Revolution - Part 3
Joseph Needham, der große britische Experte für Geschichte der chinesischen Wissenschaft , hat über “die vier großen Erfindungen Chinas” geschrieben: Kompass, Buchdruck, Papierherstellung und Schießpulver. Obwohl Needham sehr gut die Technologie beschreibt, liefert er nicht immer ausreichende Nachweise für die Übermittlung dieser Erfindungen. Nur bei einer der Erfindungen, dem Papier, kann mit absoluter Sicherheit gesagt werden, dass sie den Westen als voll entwickeltes Produkt erreichte. Nach Professor T.F. Carter “muss der Erfindung des Buchdrucks der Gebrauch von Papier vorausgehen, und die Papierherstellung ist die am meisten gesicherte und vollständige der Erfindungen Chinas.”
Lucien Febvre und Henri-Jean Martin schreiben in The Coming of the Book: “Die Erfindung des Buchdrucks wäre ohne den Antrieb dazu, der sich durch Papier ergab, unmöglich gewesen. Das Papier erreichte Europa aus China über die Araber zwei Jahrhunderte davor und war dann Ende des 14. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich.” Im Zeitraum von 1450 bis 1550 wurde Europa zunehmend mit Papiermühlen übersät. Das traditionelle Pergament war teuer und nicht gut geeignet zur Massenproduktion.
Während der protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert wollten die Reformatoren, dass die Bibel in der gebräuchlichen Verkehrssprache verfügbar sein sollte und nicht nur in Latein. Martin Luther trug somit dazu bei, die moderne deutsche Sprache zu formen. Der Gelehrte Irving Fang schreibt in seinem Buch A History of Mass Communication “Buchdruck in der Landessprache brachte auch französische Leser dazu, sich als Teil Frankreichs und englische Leser, sich als Teil Englands zu begreifen.”
In gewisser Hinsicht sind wir heute Zeitzeugen einer Umkehrung dieses Trends hin zur Nationalisierung, indem wir globale Kommunikation und den Aufstieg des Englischen als internationale Verkehrssprache erleben. Febvre und Martin glauben allerdings, dass ungefähr 77% der Bücher, die vor 1500 gedruckt wurden, immer noch auf lateinisch waren, wobei religiöse Schriften immer noch überwogen. Schrittweise bahnte sich der Weg für säkulare Bücher und andere Sprachen, aber “erst im späten 17. Jahrhundert wurde das Lateinische schließlich verworfen und durch die anderen Landessprachen sowie das Französische als Sprache der Philosophie, Wissenschaft und Diplomatie ersetzt. Jeder gebildete Europäer der damaligen Zeit musste französisch können.” Sie schätzen, “dass in Europa vor dem Jahr 1500 etwa 20 Millionen Bücher gedruckt wurden, und dass im 16. Jahrhundert etwa 150 bis 200 Millionen Drucke erschienen. Das ist eine konservative Schätzung und vermutlich ist die tatsächliche Zahl deutlich höher.” Das ist sogar noch beeindruckender, wenn wir uns daran erinnern, dass das Europa jener Tage weit dünner bevölkert war als heute und dass nur eine Minderheit lesen konnte. Es fand damals ganz offensichtlich ein Wandel statt, und zwar ein rasanter, verglichen zu der langsamen, teuren und manchmal auch inexakten Methode, jedes einzelne Buch per Hand zu kopieren.
Der Buchdruck beeinlusste auch Ostasien stark, aber er löste dort nicht die gleiche Revolution aus wie im Westen. Der Buddhismus kam über China und Korea nach Japan, und buddhistische Möche brachten neben Tee und damit den aufwändigen japanischen Teezeremonien noch andere Aspekte der chinesischen Zivilisation mit sich, unter anderem im 8. Jahrhunder den Buchdruck. Und doch druckten die Japaner bis zum späten 16. Jahrhundert ausschließlich buddhistische Schriften. Europa profitierte davon, einen vielfältigeren Buchhandel als China zu haben und auch von einem insgesamt stärkeren Wettbewerb ganz allgemein.
Irving Fang führt aus: “Der Buchdruck hat das monolithische chinesische Reich nicht durcheinandergewirbelt. Die Einführung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts in Europa hätte möglicherweise auch wenig Fortschritt mit sich gebracht, wenn Europa nicht reif für den Wechsel gewesen wäre.” Ihm zufolge ” kennzeichnete die Gründung der europäischen Universitäten ab dem 12. Jahrhundert das Ende des 700 Jahre andauernden klösterlichen Zeitalters. Das zunehmend säkulare Zeitalter, das folgte, erlebte den Aufstieg einer belesenen Mittklasse und einen zunehmenden Bedarf an Büchern aller Art.”
Der Buchdruck mit beweglichen Lettern wurde um 1040 von Bi Sheng in China erfunden, gewann aber niemals weit verbreitete Popularität. Die Natur der chinesischen Sprache mit ihrer nicht-alphabetischen Schrift erwies sich vermutlich auch als Hindernis dabei. Um diesem Dilemma zu entkommen, förderte der koreanische König Sejong der Große in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Buchproduktion und ordnete an, dass die Gelehrten im Gegensatz zu der chinesischen Schrift mit ihren Tausenden von Schriftzeichen ein Alphabet für das einfache Volk ausarbeiten sollten. Sie produzierten hangul - “koreanische Buchstaben”- , ein phonetisches System, das von anderen Alphabeten, unter anderem auch Sanskrit, inspiriert war.
Buchdruck mit beweglichen Lettern und eine alphabetische Schrift waren also in Korea schon in Gebrauch, bevor Gutenberg damit begann, in Deutschland Bibeln zu drucken. Es gibt allerdings keine Indizien dafür, dass es Verbindungen zwischen dem gab, was in Korea geschah, und dem, was in Europa geschah. Die geographische Distanz war zu groß und der Zeitunterschied zu gering, um eine solche Verbindung für wahrscheinlich zu halten. Die Chinesen nutzten gebrannten Ton für ihre Lettern und begannen erst damit, metallene Lettern zu verwenden, als diese in Europa schon in Gebrauch waren. Gutenberg war von Beruf Goldschmied und benutzte daher naheliegenderweise Lettern aus Metall.
Fang schreibt: “Was Gutenberg schuf und was in Asien nicht existierte, war ein Drucksystem. Das offensichtlichste unter seinen Elementen waren kontrollierte, exakt dimensionierte Lettern, die mittels Stempeln aus gehärtetem Stahl in weicheres Metall gestanzt wurden. Diese waren den Prägegeräten, Stempeln und Stanzen nicht unähnlich, die europäischen Lederverarbeitern, Metallschmieden und den Herstellern von Zinngeschirr bereits wohlbekannt waren.
Obwohl sie nicht auszuschließen ist, wurde eine Verbindung zwischen der östlichen und westlichen Tradition des Buchdrucks allerdings niemals schlüssig nachgewiesen. Die unterschiedliche Beschaffenheit der beteiligten Systeme hat viele Historiker zu der Ansicht gebracht, dass sich der Buchdruck in Europa unabhängig von Asien entwickelt hat. Im Gegensatz dazu wissen wir aber mit hundertprozentiger Sicherheit, dass Moslems mit dem asiatischen Buchdruck vertraut waren. Die Mongolen ließen im 13. Jahrhundert eine Spur der Verwüstung in weiten Teilen Eurasiens hinter sich, aber ihr riesiges Reich eröffnete auch bisher nicht da gewesene Möglichkeiten zum interkulturellen Austausch. Wie der Gelehrte Thomas T. Allsen aufzeigt, bedeutet die Tatsache, dass man fremden Ideen ausgesetzt ist, nicht notwendigerweise, dass man sie annimmt. Lokale Gelehrte klammerten sich häufig an die überlieferte Tradition. Er benutzt Russland zur Zeit Peters des Großen als Beispiel dafür, wie manche Elemente dieser Gesellschaft sich allen Neuerungen fanatisch widersetzten, während andere enthusiastisch alles Fremde in die Arme schlossen. Allsen hat beschrieben, wie die Regierungsbehörden im Iran unter der Mongolenherrschaft versuchten, gedruckte Banknoten nach chinesischer Art einzuführen, aber trotz schwerster Drohungen am massiven Widerstand des Volkes scheiterten:
“Gesichert ist, dass die islamische Welt eine aktive und dauerhafte Opposition zum Buchdruck mit beweglichen Lettern, der dem Europa des 15. Jahrhunderts und später entsprang, an den Tag legte. Diese Opposition, die sich auf soziale, religiöse und politische Überlegungen gründete, dauerte bis tief ins 18. Jahrhundert hinein an. Erst dann wurden Druckerpressen europäischer Herkunft im osmanischen Reich eingeführt und erst im darauffolgenden (19.) Jahrhundert verbreitete sich der Buchdruck in der arabischen Welt und im Iran. Dieser lang anhaltende Widerwille, dieses Desinteresse an der europäischen Typographie und das Versagen dabei, Nutzen aus den einheimischen Drucktraditionen der Ägypter zu ziehen, sprechen mit Gewissheit für eine Art grundlegender struktureller oder ideologischer Antipathie gegenüber dieser speziellen Technologie.”
Ich bin definitiv kein Anhänger des technologischen Determinismus, aber manche Technologien haben größere Auswirkungen als andere. Eine der wichtigsten Erfindungen, die jemals gemacht wurden, ist der Buchdruck. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die wissenschaftliche Revolution in Europa nach der Einführung des Buchdrucks stattfand, so wie es auch kein Zufall ist, dass die Zivilisation, die einem vergleichbaren Durchbruch am nächsten kam, nämlich China, diejenige war, in der der Buchdruck zuerst erfunden wurde. Es ist wahrscheinlich, dass alleine die Ablehnung des Buchdrucks die islamische Welt gegenüber Nicht-Moslems um Jahrhunderte zurückgeworfen hat.
David Crowley und Paul Heyer schreiben in Communication in History: Technology, Culture, and Society: “Die traditionelle Sichtweise war die, dass der Buchdruck zusammen mit anderen Entwicklungen den Übergang zwischen dem Mittelalter und der Morgendämmerung der Neuzeit kennzeichnete. Je mehr wir uns jedoch mit dieser bemerkenswerten Erfindung befassen, desto mehr wird uns klar, dass sie nicht nur ein Faktor unter vielen war. Auch wenn wir zögern, uns für historische “Zugmaschinen” auszusprechen, kommt die Druckerpresse jedoch dem, was mit diesem Ausdruck gemeint ist, sehr nahe. Sie war eine Technologie, die andere Technologien beeinflusste - ein Prototyp der Massenproduktion - und eine, welche die Welt der Ideen direkt beeinflusste, indem sie Wissen weit verbreitet verfügbar machte und dadurch einen Raum schuf, in dem neue Ausdrucksformen gedeihen konnten. Die Auswirkungen der Druckerpresse auf das Europa der frühen Neuzeit entstanden nicht auf eine inhärent deterministische Art und Weise. Sie waren vielmehr das Ergebnis der Existenz von Bedingungen, wobei der Buchdruck dafür sorgen konnte, dass sie gemäß ihres Potentials auch aufgenommen werden konnten.”
Die Verbreitung des Buchdrucks in Ostasien war eng mit der buddhistischen Religion verknüpft, so wie er auch in Europa dazu genutzt wurde, Bibeln zu drucken. Doch während Buddhisten, Christen und Juden diese neue Technologie begierig annahmen, wiesen sie Moslems starrsinnig zurück. Der Kontrast ist frappierend, wenn wir das damit vergleichen, wie begierig Moslems eine andere chinesische Erfindung aufnahmen: Das Schießpulver. Schießpulver war nicht die erste chemische Substanz, die zur Kriegsführung benutzt wurde.
Nach einer Legende wurde “griechisches Feuer”, eine zeitgenössische Feuerwaffe, im 7. Jahrhundert von Callinicus erfunden, einem Flüchtling aus dem arabisch eroberten Syrien. Es wurde erfolgreich zur Abwehr der arabisch-islamischen Belagerungen Konstantinopels in den Jahren 674 und 718 angewandt und half dem Byzantinerreich, so lange zu überleben, wie es überlebte. Seine Eigenschaften scheinen dem moderenen Napalm etwas zu ähneln. James R. Partington drückt in seinem Buch A History of Greek Fire and Gunpowder die Vermutung aus, dass es aus einer Mischung aus “Schwefel, Pech, gelöstem Salpeter und Petroleum bestand”. Der Begriff “griechisches Feuer” ist irreführend, weil die Byzantiner sich selbst als Römer bezeichneten. Die größte Revolution in der Geschichte der Kriegsführung kam jedoch mit der Erfindung des Schießpulvers. Nach Dr. James B. Calvert, einem Professor für Ingenieurswissenschaften, wurden “die grundlegenden Erfindungen des Schießpulvers und der Kanone um das Jahr 1300 gemacht, aber die Quellen sind rar und schwierig, auszuwerten und zu datieren und oft widersprüchlich. Die beste Vermutung ist die, dass die Erfindung des Schießpulvers schnell nach der Entdeckung des Salpeters durch chinesische Alchimisten um das Jahr 900 stattfand (d.h. nachdem ein Prozess zu seiner Reinigung entwickelt worden war) und über Handelsrouten und Reisende um das Jahr 1225 nach Europa kam, und dass die Kanone in Südeuropa noch vor dem Jahr 1300 erfunden wurde. “
Eines der Probleme dabei, dies exakt zu bestimmen, ist, dass chinesische Schreiber genauso ethnozentrisch sein können wie westliche, manchmal sogar noch mehr. Es gibt Debatten darüber, ob das Schießpulver in mehreren Regionen unabhängig voneinander erfunden wurde, aber die meisten Historiker haben sich der Lehrmeinung angeschlossen, dass es zuerst in China hergestellt wurde. Schießpulver (Schwarzpulver) besteht aus Holzkohle, Schwefel und Kaliumnitrat - oder Salpeter - und war unmöglich herzustellen, bevor man nicht Salpeter mit hohem Reinheitsgrad herstellen konnte. Das war schon sehr früh eine Spezialität chinesischer Alchimisten. Die Entdeckung errreichte den Nahen Osten und Europa vermutlich über die Seidenstraße und wurde als “chinesischer Schnee” bekannt. Schwarzpulver blieb bis ins 19. Jahrhundert der vorherrschende Explosivstoff, bis die Entdeckung des instabilen Niroglycerins es dem schwedischen Chemiker Alfred Nobel ermöglichte, 1867 die stabilere Version Dynamit patentieren zu lassen und dadurch enormen Reichtum anzuhäufen, der später in die Stiftung für die verschiedenen Nobelpreise einging.
Im 13. Jahrhundert erwähnen sowohl der englische Franziskanerbruder Roger Bacon als auch der deutsche Dominikanerbruder Albertus Magnus, beides Theologen und Wissenschaftler mit Interesse an der Alchimie, ein Rezept zur Schießpulverherstellung. Die mongolischen Eroberungen verbreiteten quer durch Eurasien die Kenntnis über die Feuerlanze, ein mit Schießpulver gefülltes Bambusrohr, das mehrere Projektile abfeuern konnte. Die Entwicklung dieser Waffe stagnierte aber in China. Gemäß James B. Calvert ist “Zeit und Ort der Erfindung der Kanone unbekannt, aber ihre Entwicklung aus der Feuerlanze unter Türken, Arabern und Europäern wird kaum angezweifelt. (…). Der früheste Einsatz der Kanone ist nicht gesichert bekannt, aber fand irgendwann zwischen 1300 und 1350 statt. Zwischen 1350 und 1400 verbreitete er sich rasant.”
Kanonen wurden im Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England eingesetzt und türkische Moslems wandten 1453 erfolgreich Dauerbombardements mit einer massiven von einem Ungarn hergestellten Kanone bei der Eroberung Konstantinopels an, mittels der sie die Stadtmauern durchbrachen. Joel Mokyr, Professor an der Wirtschaftlichen Fakultät der Northwestern University und Autor des Buches The Gifts of Athena: Historical Origins of the Knowledge Economy, schreibt über Innovation und Wirschaftsgeschichte. Ihm zufolge (pdf) war Glas, obwohl es in China bekannt war, dort nicht sehr gebräuchlich, weil Tee aus Porzellantassen getrunken wurde und die Chinesen sich in polierten Bronzespiegeln betrachteten. Islamische Länder hatten eine bedeutende Glasindustrie, sie erfanden aber niemals die Brille: “Tokugawa Japan hatte eine blühende Industrie, in der Glassschmuck und Verzierungen gefertigt wurden, aber auch dort entstanden bis zur Meiji-Restauration [ab 1867] keine optischen Instrumente. Dass sie keinen Zugang zur hellenistischen Geometrie hatten, die nicht nur Ptomelmäus und Alhazen diente, sondern auch Italienern des 16. Jahrhunderts wie zum Beispiel Francesco Maurolico (1494-1575) , der die Charakteristika von Linsen studierte, machten die Entwicklung der Optik für den Osten schwierig.” Die frühesten bekannten Linsen wurden aus Bergkristall, Quarz und anderen Mineralien hergestellt und wurden in östlichen und westlichen Ländern schon seit den Zeiten der Antike benutzt. Es gibt Hinweise darauf, dass Linsen in der griechisch-römischen Welt bekannt waren. Sie wurden Jahrhunderte lang als Brenngläser und Lupen benutzt und so genannte Lesesteine waren während des Mittelalters allgemein gebräuchlich, zum Beispiel die Visby-Linsen, zu Linsen geschliffene Bergkristalle hoher Qualität aus einem Wikingergrab in Gotland, Schweden. Die älteste, von der wir wissen, ist die Nimrodlinse, die im heutigen Irak gefunden wurde. Sie wird auf ein Alter von fast 3.000 Jahren geschätzt und weist darauf hin, dass die alten Assyrer ein gewisses Grundverständnis für Optik besaßen. Der Irak, Sitz der sumerischen, akkadischen und assyrischen Königreiche, ist die Heimat einer der ältesten astronomischen Traditionen der Welt. Die babylonische Astronomie hatte einen beträchtlichen Einfluss auf viele nachfolgende Kulturen des Nahen Ostens, Griechenlands und Indiens, und das (auf der Zahl 60 basierende) Sexagesimal-Zahlensystem der Sumerer hat uns bis heute nicht verlassen, es lebt in der Form der 60-Minuten-Stunde und der 360 Grad in einem Kreis fort.
Der im Irak geborene Wissenschaftler Ibn al-Haitham, der im Westen unter dem Namen Alhacen oder Alhazen bekannt ist, hatte auf mehrere westliche Wissenschaftler einen machtvollen Einfluss. Alhazen war ein Pionier der wissenschaftlichen Methode, bei der Hypothesen auf systematischen Beobachtungen basieren. Am meisten wird seiner wegen seiner großartigen Beiträge auf dem Gebiet der Optik gedacht. Er sann über die Natur des Lichts nach, spekulierte über die Farben des Sonnenuntergangs und beschrieb die Eigenschaften der Lupe. Sein aus dem 11. Jahrhundert stammendes Buch der Optik wurde während des späten 12. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt und hinterließ auf Roger Bacon und andere Gelehrte des 13. Jahrhunderts einen großen Einfluss.
Bacon wurde in Oxford erzogen und lehrte an der Universität von Paris, dem intellektuellen Zentrum der kleinen aber wachsenden Zahl europäischer Universitäten, über Aristoteles. Sein Lehrer, der englische Bischof und Gelehrte Robert Grosseteste, war ein Befürworter der Überprüfung von Theorien mittels Experimenten. Roger Bacon schrieb über viele Themen, einschließlich Optik, und gehörte zu den ersten, die sich dafür aussprachen, dass Linsen zur Korrektur von Fehlsichtigkeit benutzt werden könnten. Er behauptete dass “Philosophie die Provinz der Ungläubigen ist” und drängte Gelehrte dazu, arabisch zu lernen.
Die Chinesen experimentierten auch mit Linsen und Spiegeln und stellten eine Art Sonnenbrille oder Brille mit farbigen Gläsern her. Es sieht jedoch so aus, als ob diese hauptsächlich dekorativen Zwecken dienten und keinerlei korrigierende Eigenschaften hatten. Die wissenschaftliche Optik stagnierte in China nach den anfänglichen Fortschritten. Die ersten voll entwickelten Brillen wurden in Europa hergestellt, und zwar in Norditalien ab dem späten 13. Jahrhundert. Der amerikanische Wissenschaftler und Erfinder Benjamin Franklin erfand im 18. Jahrhundert in den ersten Jahren der Vereinigten Staaten die Zweistärkenlinse.
1572 druckte Friedrich Risner einige von Alhazens Werke über Optik sowie auch ein ähnliches Werk des polnischen Ordensbruders Witelo aus dem 13. Jahrhundert, und machte damit Alhazen unter neuen Gelehrtengenerationen weit verbreitet bekannt. Erwähnenswert unter diesen war der deutsche Astronom Johannes Kepler. Der dänische Astronom Tycho Brahe, der 1601 starb, war vielleicht der exakteste Astronom der präteleskopischen Ära. In seinem letzten Lebensjahr gab Brahe seine Beobachtungen des Mars an Kepler weiter. Diese präzisen Notizen waren für Keplers Arbeiten über die Bewegung der Planeten bedeutsam, ein weiterer Durchbruch, der seine These belegte, stand jedoch kurz bevor.
Als korrigierende Linsen für Kurzsichtigkeit ausgefeilter wurden, stieg auch der Bedarf nach Glaslinsen von hoher Qualität. In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts hatte Baruch Spinoza ein gutes Auskommen als fachkundiger Linsenschleifer, während er an seinen philosophischen Theorien arbeitete. Das war während des Goldenen Zeitalters der Niederlande, als das Land zum Zufluchtsort für viele Gruppierungen wurde, die unter religiöser Verfolgung litten, wie zum Beispiel die (protestantischen) Hugenotten aus Frankreich. Spinoza war ein Nachkomme von Juden, die in Folge der Reconquista aus Spanien und Portugal vertrieben worden waren. Die Brillenherstellung eröffnete neue Felder auf dem Gebiet der Optik. Einem holländischen Brillenhersteller, Hans Lippershey, wird nachgesagt, er habe das erste gebrauchsfähige Teleskop gebaut und es ihm Jahr 1608 öffentlich zugänglich gemacht.
Innerhalb weniger Monate nach dieser Neuigkeit baute der italienische Wissenschaftler Galileo Galilei sein eigenes Teleskop und wurde der erste Mensch, der diese neue Erfindung auf den Himmel richtete, wo er im Jahr 1610 die vier großen Jupitermonde entdeckte. Kepler entwicklete das Teleskop Galileis 1611 weiter und beschrieb die theoretischen Grundlagen der Teleskopoptik, teilweise von Alhazens Arbeit inspiriert. Das Teleskop war innerhalb von nur drei Jahren nach seiner Erfindung von den Niederlanden über Italien zu Kepler nach Prag gereist und wurde unterwegs verbessert, eine bemerkenswerte Geschwindigkeit bei der Neuerung und Wissensverbreitung. Sir Isaac Newtons Principia Mathematica aus dem Jahr 1687 und seine Grundgesetze der Bewegung und Schwerkraft wurden unter anderem von den Teleskopbeobachtungen Galileis und Keplers Gesetzen der Planetenbewegung abgeleitet.
Der holländische Brillenhersteller Zacharias Janssen und sein Vater Hans gelten allgemein als die Erfinder des ersten Mikroskops im späten 16. Jahrhundert. Das Mikroskop wurde im 17. Jahrhundert von seinem Landsmann Antonie van Leeuwenhoek verbessert, der als erster Bakterien beobachtet hat und damit ein vollkommen neues Feld der Mikrobiologie eröffnete. Das führte wiederum zu großen Fortschritten in den Naturwissenschaften. Der deutsche Arzt Robert Koch und der französische Chemiker Louis Pasteur begründeten im 19. Jahrhundert die Wissenschaft der Bakteriologie. Das Wissen darum, dass Seuchen von Bakterien und mikroskopisch kleinen Keimen verursacht werden, zog die größten Fortschritte in der Geschichte der Medizin nach sich.
Nach der freien Enzyklopädie Wikipedia wurden Lesesteine von dem Universalgelehrten Armen Firman (Abbas Ibn Firnas) in Córdoba im islamisch besetzten Spanien im 9. Jahrhundert erfunden und verbreiteten sich von da aus später durch ganz Europa. Wikipedia verkörpert sowohl die guten als auch einige der problematischen Aspekte des Internets. Ich habe dort schon mehr als einmal nützliche Informationen gefunden, aber es kann auch regelmäßig zu gewissen Themen unzuverlässig sein, was an seinen zahllosen Autoren und an dem Mangel professioneller Übersicht liegt. Lassen Sie uns für den Augenblick annehmen, dass diese Information korrekt ist. Falls ja, wie kommt es dann, dass die Linsen von Moslems nicht weiter entwickelt wurden? Das Teleskop und das Mikroskop waren Nebenprodukte der Fortschritte in der Brillenherstellung. Sie ermöglichten zum ersten Mal überhaupt das Studium dessen, was für das bloße menschliche Auge unsichtbar ist, und veränderten unser Verständnis des Universums auf radikale Weise, sowohl im ganz Kleinen als auch im ganz Großen. All das hätte in der islamischen Welt stattfinden können. Warum also fand es nicht statt, obwohl Linsen dort angeblich mindestens genau so früh bekannt waren wie in Europa und obwohl die Region einen begnadeten Wissenschaftler wie Alhazen hervorbrachte?
Alhazen persönlich sollte man die Ehre erweisen, das er in jeder Disziplin der größte Wissenschaftler seiner Zeit war, und zwar im Osten wie im Westen, und doch wurde seine Wissbegier und seine wissenschaftliche Denkart von seinen Zeitgenossen nicht immer geschätzt. Ibn Warraq schreibt in seinem Buch Why I Am Not a Muslim, wie seine Schriften von seinen Mitmoslems aufgefasst wurden: “Ein Schüler von Maimonides, des jüdischen Philisophen, berichtet, dass er auf einer Geschäftsreise nach Bagdad erlebt hatte, wie die Bücherei eines gewissen Philosophen (der 1214 starb) dort niedergebrannt wurde. Der Prediger, der das Urteil vollstreckte, warf eigenhändig das astronomische Werk von Ibn al-Haitam [Alhazen] in die Flammen, nachdem er dort eine Beschreibung der Erde als Kugel vorgefunden hatte, die er als trauriges Symbol respektlosen Atheismus’ bezeichnete.”
Alhazen schrieb zahllose Bücher, von denen die meisten heute verloren gegangen sind. Sein bahnbrechendes Buch der Optik ist uns in lateinischer Übersetzung erhalten geblieben. Moslems hatten somit durchaus Zugriff auf Ideen, aber sie versäumten es, sie zu schätzen und ihr Potential auszuschöpfen. Dieses Muster hat sich in mehreren Fällen wiederholt. Die ersten Windmühlen entstanden vermutlich in Persien vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert. Windmühlen wurden in Europa im Hochmittelalter spätestens ab dem 12. Jahrhundert eingeführt und sie verbreiteten sich rasant über Westeuropa und wurden dabei über lange Zeit hinweg ständig verbessert. Die Windmühle persischer Bauart verbreitete sich mit den mongolischen Eroberungen im 13. Jahrhundert von Zentralasien aus nach China, und doch teilte der führende arabische Ingenieur jener Zeit seinen Lesern mit, die Vorstellung, Mühlen können mit Wind betrieben werden, sei Unsinn.
Sonnenuhren waren in Ägypten und anderen Zivilisationen schon seit prähistorischen Zeiten gebräuchlich. Wasseruhren datiert man auch auf die Antike und sie erreichten in der griechisch-römischen Welt einen gewissen Komplexitätsgrad. Die alten Griechen schufen Geräte, die einem Uhrwerk ähnelten, zum Beispiel den Antikythera-Mechanismus (aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert), der als mechanischer Computer bezeichnet wurde. Frühe Uhren (wenn auch nicht voll ausgereifte) wurden in Asien, speziell in China, angefertigt, und hätten im Nahen Osten bekannt sein können. Um das Jahr 800, beschenkte der Kalif Harun al-Rashid aus Bagdad Karl den Großen mit einer komplexen Wasseruhr mit Stundenschlag. 850 veröffentlichten die als “die drei Perser” bekannten Gebrüder Banu Musa im Rahmen der Übersetzungsarbeiten, die im Haus der Weisheit in Bagdad unternommen wurden, das Buch der genialen Geräte, in dem viele mechanischen Erfindungen aus früheren Kulturen beschrieben wurden. Sie interessierten sich für die Arbeiten des griechischen Ingenieurs Hero von Alexandria, der die erste bekannte Dampfmaschine entwickelte. Wiederum gibt es starke Belege dafür, dass Moslems sowohl das theoretische Wissen als auch praktische Beispiele zu ihrer Verfügung hatten, mechanische Uhren zu entwickeln.
Obwohl sie größtenteils Zugriff auf dasselbe Wissen hatten wie christliche Europäer, entwickelten Moslems keine voll ausgereiften mechanischen Uhren. In Europa geschah das im 13. Jahrhundert. Die Erfindung verbreitete sich rasch durch Italien, Frankreich und England. 1286 wurde eine mechanische Uhr in die Alte St. Pauls Kathedrale in London eingebaut. Der englische Autor Geoffrey Chaucer aus dem 14. Jahrhundert erwähnte eine Uhr, ganz offensichtliche eine mit Stundenschlag. Man nimmt an, dass die älteste Uhr mit Stundenschlag die aus der Kathedrale von Salisbury war, die auf das Jahr 1386 datiert wird. Uhren waren anfänglich groß und wurden zur Dekoration öffentlicher Bauwerke benutzt. Um das Jahr 1500 wurde die Sprungfeder erfunden, die den Weg für kleinere Uhren ebnete. Die erste tragbare Taschenuhr in Form einer Kugel, die man wie ein Schmuckstück trug, wurde in Nürnberg, Deutschland, von dem Schlosser Peter Heinlein im Jahr 1505 gebaut. Der holländische Wissenschaftler Christiaan Huygens baute auf der Grundlage von Galileis Pendelgesetz 1656 die erste Pendeluhr, die wesentlich akkurater war als die vorhergehenden Modelle. Er erfand auch die Unruh und die Spiralfeder, die vielen modernen Uhren zugrundeliegen. Dem französischen Mathematiker Blaise Pascal wird nachgesagt, dass er die erste Armbanduhr konstruiert hat, indem er seine tragbare Uhr mit einem Band an seinem Handgelenk befestigt hat.
Ich behaupte nicht, dass die islamische Welt überhaupt keine wissenschaftlichen Errungenschaften hervorgebracht hat. Avicennas Kanon der Medizin wurde im 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und noch im 16. Jahrhundert schrieb Vesalius eine Dissertation, in der er sich auf Rhazes bezog. Es ist nicht möglich, die Geschichte der westlichen Medizin dieses Zeitalters zu schreiben ohne nahöstliche Ärzte wie Avicenna und Rhazes zu erwähnen. Was ich hingegen behaupte, ist, dass die Zahl der Errungenschaften beständig abnahm und dass ich nicht sicher bin, wie viel von den Errungenschaften, die tatsächlich hervorgebracht wurden, dem Islam zuzuschreiben sind.
Moslems gelang es nicht, Uhren und Brillen zu entwickeln und sie standen dem Buchdruck aktiv feindselig gegenüber, übernahmen aber Schießpulver und Feuerwaffen umgehend (obwohl die Weiterentwicklung der letzteren später auch stagnierte). Ich glaube, dieser hochselektive Blick auf die Technologie sagt etwas über ihre Mentalität aus: Sie sahen den Wert, der im Buchdruck lag, nicht, aber sie liebten Schießpulver, weil es dazu gebraucht werden konnte, Nicht-Moslems zu terrorisieren und einzuschüchtern. Ungläubige Technologie ist in erster Linie dann interessant, wenn sie dazu benutzt werden kann, andere Unbläubige damit in die Luft zu jagen. Leider bin ich nicht sicher, ob sich die islamische Mentalität in den vergangenen 800 Jahren signifikant geändert hat. Während der letzten paar Jahrzehnte haben die Globalisierung, die islamische Einwanderung in den Westen und der massive Einfluss der Petrodollars auf islamische Länder mit großen Ölreserven es Moslems ermöglicht, Technologie zu erwerben oder zu kaufen, zu deren Entwicklung sie selber nicht in der Lage sind. Das Resultat dessen, zusammen mit einer enormen Bevölkerungsexplosion, die wiederum auch durch medizinische Errungenschaften der Ungläubigen begründet ist, war eine Flutwelle des Dschihad, die über die ganze Welt schwappt. Die Lektion für Nicht-Moslems sollte die sein: Wenn man Moslems Technologie und Knowhow zugänglich macht, wird das nicht dazu genutzt werden, friedliche und wohlhabende Gesellschaften zu schaffen; es wird dazu genutzt werden, einen zu töten und zu unterwerfen.
Wie der Autor Bassam Tibi schreibt, neigen Moslems heute dazu, Wissenschaft als etwas von der Gesellschaft Abgetrenntes zu betrachten; sie glauben, dass sie moderne Wissenschaft und Technologie übernehmen oder sich aneignen können, ohne den größeren Rahmen, der dazu gehört, auch anzunehmen.
Ich stimme Tibi zu. Moslems verstehen Wissenschaft nicht als die Grundlage für technologischen Fortschritt - und Redefreiheit und rationale Kritik von allem und jedem einschließlich religiöser Lehren nicht als die Grundlage der Wissenschaft. Sie sprechen über Wissenschaft, als ob sie ein Gebrauchsartikel wäre, ein Fernseher oder ein PC, etwas, das Moslems früher “hatten” und dann “verloren” oder an Westler abtraten, die es ihnen “wegnahmen”. Daher fühlen Moslems auch keine Dankbarkeit für irgendetwas, was ihnen die ungläubige Wissenschaft zur Verfügung stellt, da die Wissenschaft ja ursprünglich “ihnen gehört hatte” und sie sich nur etwas zurückholen, was ihr rechtmäßiges Eigentum ist. Aber Wissenschaft ist kein Gebrauchsartikel; sie ist eine Methode, eine Art und Weise, die Welt kritisch und rational zu betrachten.
Meiner Ansicht nach kommt dieses Versagen, den Zusammenhang zwischen Ursache - Wissenschaft und eine freie Gesellschaft - und Wirkung - technolgischer Fortschritt - zu sehen, aus einem fundamentalen Fehler in der islamischen Sichtweise auf das Universum: Sie sehen keine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, weil ihre gesamte religiöse Weltsicht auf der Vorstellung basiert, dass alles den Launen Allahs unterworfen ist und dass es keine vorhersagbare Logik dahinter gibt. Wie Hugh Fitzgerald häufig ausführt, verhindert dieser resignierte Inshallah-Fatalismus (”Wenn Allah es will, dann wird es geschehen”) zu einem großen Teil Fortschritt jeglicher Art. Die ultimative Ironie und Tragik dabei ist, dass Moslems in ungläubige Gesellschaften ziehen, um die Gebrauchs- und Konsumartikel zu genießen, die dort produziert werden, und sich doch umgehend daran machen, die Bedingungen zu zerstören, unter denen diese Fortschritte ursprünglich erschaffen wurden - politische Freiheit und menschengemachte Gesetze.
Mindestens zwei Bedingungen sind für die Schaffung einer erfolgreichen Nation notwendig: Die Fähigkeit, talentierte Individuen mit großen Ideen hervorzubringen, und die kulturelle und strukturelle Fähigkeit der Gesellschaft, das volle Potential dieser Ideen zu erkennen und sie zu nutzen. Die islamische Welt hat sich einige Zeit lang bezüglich der ersten Aufgabe halbwegs gut geschlagen, ist aber an der zweiten kläglich und konsequent gescheitert. Auch wenn sie gelegentlich begnadete Individuen hervorbrachte, neigten diese dazu, unorthodoxe Moslems zu sein oder - wie im Fall von Rhazen - dem Islam unverblümt feindselig gegenüber zu stehen. Die Häufigkeit, mit der sie Denker vom Format Avicennas und Alhazens hervorbrachte, nahm auch stetig ab. Das weist stark darauf hin, dass “islamische Wissenschaft” wenig mit dem Islam zu tun hat, sondern die Vermengung vorislamischen Wissens griechischer, indischer, persischer, jüdischer, assyrisch-christlicher und anderer Herkunft war. In dem Maß wie Moslems zahlenmäßig vorherrschend wurden und die islamische Orthodoxie sich etablierte, wurde dieses vorislamische Vermächtnis langsam ausgelöscht, wodurch die Wissenschaft sich in den Niedergang begab und sich nie wieder erholte. Dieses Versagen war eng mit der islamischen Feindseligkeit gegenüber Neuerungen und freiem Denken verknüpft. Im Gegensatz dazu zeigten sich die christliche und jüdische Religion aufgeschlossener gegenüber neuen Ideen. Zumindest waren sie nicht so aggressiv feindselig gegenüber der Logik wie der Islam und förderten sie in manchen Situationen sogar.
Europa brachte viele talentierte Individuen hervor, was Europa jedoch letztendlich von der islamischen Welt und sogar dem nichtislamischen Asien jener Zeit abhob, war die außergewöhnliche Verbreitungsgeschwindigkeit von Ideen, egal ob einheimisch oder importiert, und die Geschwindigkeit, mit der weitere Verbesserungen gemacht wurden, wenn eine Idee erst einmal eingeführt war. Das ist auf eine Kombination aus mehreren Faktoren zurückzuführen: Eine erfolgreiche Heirat zwischen christlichen Lehren und dem griechisch-römischen Erbe während des Mittelalters und der Renaissance, die Fähigkeit, neues Wissen hervorzubringen und es durch die Ansammlung von Kapital und mit Hilfe einer dynamischen Händlerklasse in die praktische Anwendung umzusetzen, ein institutionalisierter Rahmen für die Gelehrtendebatte durch Universitäten mit einem bedeutsamen Maß an Forschungsfreiheit, die Annahme des Buchdrucks, der die Kommunikation vereinfachte und die Ansammlung von immer exakterem Wissen erleichterte, und last not least ein höherer Grad an Individualismus und politischer Freiheit, was freies Denken und nonkonformistische Perspektiven ermutigte und als Folge davon Neuerungen.
Während ich das sage, muss ich zugeben, dass ich nicht mit ehrlichem Herzen sagen kann, dass dies heute die Merkmale Europas sind. Wir wurden immer belehrt, dass es einen grundlegenden Konflikt zwischen Religion und Vernunft gäbe, was eigentlich heißt, dass wir umso rationaler werden müssten, je weniger religiös wir werden. Westeuropa ist zur Zeit weniger religiös als es jemals war, ich sehe jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass wir dadurch vernünftiger geworden sind. Wir mögen keinen formalen Index verbotener Bücher haben, wie ihn die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg hatte, aber wir haben einen informellen Index verbotener Themen, der bei der Unterdrückung der freien Forschung und der Erstickung von Debatten gleichermaßen effektiv sein kann. Das wird heute nicht im Namen Gottes gemacht sondern im Namen der Toleranz und der multikulturellen Vielfalt, aber im Ergebnis ist es weitgehend dasselbe. Das Ende der Religion war daher kein Vorbote für ein Zeitalter der Vernunft; es führte in ein Zeitalter säkularen Aberglaubens und neuen Formen der Hexenjagd. Man kann viel Schlechtes über mittelalterliche Europäer sagen, aber wenigstens importierten sie keine Moslems in großer Zahl, während sie sich dabei selber für ihre Toleranz beglückwünschten. Säkulare Europäer tun das.
Andrew G. Bostom bezieht sich immer wieder auf Julien Benda und sein 1928 erschienenes Buch The Treason of the Intellectuals und darauf, wie die Aufgabe objektiver Wahrheiten totalitäre Ideologien begünstigte, die zum 2. Weltkrieg führten. Bostom erkennt heute ein vergleichbares Versagen westlicher Intellektueller, die Geschichte des Dschihad zur Kenntnis zu nehmen. Wie es sich mir darstellt, war Benda ein bisschen zu antireligiös und antinationalistisch für meinen Geschmack, aber in anderen Dingen stimme ich ihm zu: Die Probleme, denen sich der Westen heute bei der Konfrontation mit dem Dschihad gegenübersieht, wurden durch ein Versagen unseres Bildungssystems, unserer Medien und in der Tat unserer gesamten Gesellschaft verursacht, das Ideal kritischen Denkens aufrechtzuerhalten. Wenn der Aufstieg des Westens mit politischer Freiheit, rationalem Denken, freier Rede und Universitäten, die für Forschungsfreiheit standen, verknüpft war, kann der Niedergang des Westens mit dem Niedergang derselben Faktoren verknüpft werden.
Der Autor V.S. Naipaul ist der Ansicht, dass der Islam von Natur aus parasitär ist und Jagd auf die vorislamische Kultur in den eroberten Gebieten macht. Ich möchte hinzufügen, dass er auch die Sorte von Parasit ist, die den Wirt tötet. Ich habe keinen Zweifel daran, dass, wenn es den Moslems gelingt, Europa zu erobern, dies in der Zukunft als goldenes Zeitalter des Islam gepriesen werden wird. Aber es wäre kein goldenes Zeitalter des Islam, es wäre die Abenddämmerung Europas, so wie das frühere goldene Zeitalter die Abenddämmerung der christlichen, jüdischen, hinduistischen, zoroastrischen und buddhistischen Kulturen von Nordafrika bis Zentralasien war, und wie die viel gepriesenen Leistungen der “mittelalterlichen islamischen Wissenschaft” Echos der Vermächtnisse der Ägypter, Babylonier, Perser, Assyrer und Griechen waren.
Ja, ich weiß, dass die Mogulenkaiser wundervolle Architektur wie zum Beispiel das Tadsch Mahal in Indien hervorbringen konnten, aber es handelte sich dennoch um einen Sklavenstaat, der auf der Ausbeutung und Verfolgung von Nicht-Moslems basierte. Und ja, es kann auch Herrscher wie Akbar den Großen geben, mit seiner religiösen Toleranz und seinem kaiserlichen Garten mit Tausenden von Geparden, aber er war exakt deswegen tolerant, weil er nur dem Namen nach Moslem war. Jedem solchen Herrscher werden frommere Moslems nachfolgen, wie es auch [bei Akbar dem Großen] der Fall mit Aurangzeb war, der die Dschizya-Steuer für Ungläubige wieder einführte und Hindutempel zerstörte. Alles Gute, was in Ländern unter islamischer Herrschaft geschieht, geschieht im allgemeinen nicht wegen des Islams sondern trotz ihm, und die guten Dinge werden auch schnell im Namen der Scharia wieder rückgängig gemacht. Auf jeden Akbar werden immer mindestens ein Dutzend Aurangzebs kommen.
Wir sind Zeitzeugen großer weltweiter Machtverschiebungen. Aus einer makrohistorischen Perspektive betrachtet, war China vor einem Jahrtausend die führende Zivilisation, wurde aber von Europa überflügelt. Ich glaube fest daran, dass Redefreiheit und politische Freiheit langfristige Auswirkungen haben und bin daher nicht sicher, ob es China gelingt, seine wirtschaftlichen Fortschritte aufrecht zu erhalten, wenn es nicht Reformen auf den Weg bringt. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass die Islamisierung Europas unvermeidbar ist, aber wenn der derzeitige Trend anhält, mag es sein, dass wir im 21. Jahrhundert eine Rollenverschiebung erleben werden: China wird aufblühen und Europa wird zerfallen. Allerdings könnte in der Zwischenzeit, wenn westliche Technologien und Europas angesammelter Reichtum in die Hände von Moslems gelangen, die Welt von Großbritannien bis Thailand in einem neuem Dschihad-Zeitalter versinken.





Kommentar von D. N. Reb
27. Oktober 2007 @ 23:18
Danke für die fleissige Übersetzung.
Pingback von Fjordman: The Truth About “Islamic Science” » Winds Of Jihad
13. November 2007 @ 0:18
[...] I have made a series of posts about this issue myself at Jihad Watch. These posts have also been translated to German, and I made a slightly longer essay about this available at the Gates of Vienna blog. I have also [...]