Drei Worte
Vorwort von Eisvogel: Die nachfolgende Geschichte ist eine Übersetzung aus der Reihe "Message from Dan", die der bekannte Science Fiction-Autor Dan Simmons in regelmäßigen Abständen auf seiner Homepage veröffentlicht. Es ist die Message vom April 2006 und sie ist unter der folgenden Adresse im Original nachzulesen:
http://www.dansimmons.com/news/message/2006_04.htm
Message from Dan - April 2006
Der Zeitreisende erschien ganz plötzlich in meinem Arbeitszimmer am Silvesterabend 2004. Er war ein schwerfälliger, grauhhaariger Mann in einer grauen Uniformjacke und sah wie ein Endsechziger oder sogar noch etwas älter aus. Er wirkte auch wie ein Kriegsveteran oder wie jemand, der einige schlimme Unfälle hinter sich hatte, denn er hatte verblasste Narben auf Gesicht, Hals und Händen, und man konnte sogar unter dem militärisch kurz geschittenen grauen Haar einige auf seiner Kopfhaut erkennen. Bevor ich 911 zu Ende wählen konnte, kündigte er mir mit rauer Stimme an, dass er ein Zeitreisender sei und zurückgereist, um mit mir über die Zukuft zu reden.
Ich schreibe zwar gelegentlich Science Fiction, aber ich bin kein Narr, und deshalb sagte ich: "Beweisen Sie es."
"Erinnern Sie sich an Replay?" fragte er.
Meine Finger schwebten über der letzten 1 meiner Telefontastatur. "Den Roman von 1987?" sagte ich "von Ken Grimwood?”
Der Fremde - Zeitreisende, Wohnungseinbrecher oder was auch immer - nickte.
Ich zögerte. Der Roman von Grimwood wurde ein oder zwei Jahre nach meinem Erstlingsroman, Song of Kali, mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. In Grimwoods Buch ging es um einen Mann, der eines Morgens aufwachte und feststellte, dass er um Jahrzehnte in seinem Leben zurückgeworfen worden war, von den späten 1980er Jahren zurück zu seinem eigenen Ich als Collegestudent im Jahr 1963, und der damit die Chance hatte, sein Leben noch einmal zu leben - in einem Replay nachzuspielen - nur dieses Mal mit all dem Wissen, das er auf die harte Tour bereits erlernt hatte. In dem Buch erfuhr der Hauptdarsteller, der mehrere Replays durchleben - durchleiden - musste, dass es andere Menschen aus seiner Zeit gab, die auch ihre eigene Vergangenheit in einem Replay in jüngeren Körpern und mit intakter Erinnerung nachspielten. Ich habe das Buch mit großem Vergnügen gelesen, war der Ansicht, dass es die Auszeichnung verdient hatte und habe mit Trauer erfahren, dass Grimwood .... wann nochmal? .... 2003 verstorben ist.
Also dachte ich, ich habe zwar am Silvesterabend einen grauhaarigen Irren in meinem Arbeitszimmer, aber wenn er ein Leser und Fan von Replay war, dann war er höchstwahrscheinlich ein grauhaariger irrer Science Fiction Freak, und daher vermutlich harmlos. Möglicherweise. Vielleicht.
Ich beließ meinen Finger über der letzten 1 von 911.
"Was hat dieses Buch mit Ihrem illegalen Eindringen in mein Haus und Arbeitszimmer zu tun?" fragte ich.
Der Fremde lächelte... fast traurig, wie mir schien. "Sie haben mich gebeten, zu beweisen, dass ich ein Zeitreisender bin," sagte er sanft. "Erinnern Sie sich, wie sich Grimwoods Protagonist in Replay auf die Suche nach anderen in den 1960er Jahren machte, die ebenso wie er aus den späten 80ern in der Zeit zurückgereist waren?" fragte er.
Ich erinnerte mich in der Tat daran. Ich hatte es damals für recht clever gehalten. Der Mann aus Replay gab, nachdem er angefangen hatte, zu vermuten, dass auch andere ein Replay in der Vergangenheit durchlebten, private Kleinanzeigen in den größten Zeitungen im ganzen Land auf. Es waren kurze Anzeigen. "Erinnern Sie sich an an Three Mile Island, Challenger, Watergate, Reagonomics? Falls ja, bitte Kontaktaufnahme unter...."
Bevor ich an diesem Silvesterabend des Jahres 2004 wenige Stunden vor Beginn des Jahres 2005 noch etwas sagen konnte, sagte der Fremde: “Terri Schiavo, Katrina, New Orleans unter Wasser, Ninth Ward, Ray Nagin, Superdome, Richter John Roberts, die White Sox schlagen die Astros und gewinnen die World Series, Papst Benedikt XVI, Scooter Libby.”
"Warten Sie!" sagte ich, während ich eilig nach einem Stift suchte und noch eiliger zu schreiben begann. "Ray wer? Papst wer? Scooter wer?"
"Sie werden es schon wiedererkennen, wenn Sie es wieder hören," sagte der Fremde. "Ich sehe Sie nächstes Jahr und dann werden wir unser Gespräch führen."
"Warten Sie!" sagte ich nochmal "Was war das im mittleren Teil... Ray Nugin? Richter wer? Wer ist ...." Aber als ich aufsah, war er weg.
"Die White Sox gewinnen die World Series?" murmelte ich in die Stille vor mich hin. "Wer's glaubt."
Am Silvesterabend 2005 wartete ich auf ihn. Ich sah ihn nicht hereinkommen. Ich schaute von dem Buch auf, in dem ich unkonzentriert gelesen hatte, und da stand er wieder im Schatten. Dieses Mal wählte ich nicht 911 und ich verlangte auch keine weiteren Beweise. Ich bot ihm mit einem Wink den Ledersessel an und sagte: "Möchten Sie etwas trinken?"
"Scotch,” sagte er "Single Malt, wenn Sie welchen haben."
Ich hatte.
Unser Gespräch erstreckte sich über zwei Stunden, und das Folgende ist das Wesentliche, worum es dabei ging. Romane schreiben ist mein Beruf. Ich kann mich recht gut an Gespräche erinnern (Zwar nicht so gut wie man es von Truman Capote sagt, der angeblich lange Gespräche Wort für Wort im Gedächtnis behalten konnte, aber dennoch recht gut).
Der Zeitreisende wollte mir nicht sagen, aus welchem Jahr in der Zukunft er gekommen war. Nicht einmal das Jahrzehnt oder das Jahrhundert. Aber die grauen Cordhosen und die Jacke aus blaugrauem Wollstoff, die er trug, sahen nicht sehr sciencefictionmäßig oder militärisch aus, keine Startrekstiefel oder -insignien, einfach nur abgetragene Kleider, die ein bisschen aussahen wie die von jemanden, der mit den Händen arbeitet. Von einem Bauarbeiter zum Beispiel.
"Ich weiß, dass Sie mir wegen der Zeitreiseparadoxa keine Details aus der Zukunft sagen können" begann ich. Ich habe nicht umsonst ein Leben damit verbracht, zuerst Science Fictions zu lesen und dann selbst zu schreiben.
"Ach, gehen Sie mir weg mit Zeitreiseparadoxa," sagte der Zeitreisende. "Es gibt sie nicht. Ich könnte Ihnen erzählen, was immer ich wollte, und es würde nichts verändern. Ich habe mich einfach nur entschieden, Ihnen manche Dinge nicht zu sagen."
Das quittierte ich mit einem Stirnrunzeln. "Zeitreiseparadoxa gibt es nicht? Aber sicher, wenn ich in der Zeit zurückreise und meinen Großvater töte, bevor er meine Großmutter trifft...."
Der Zeitreisende lachte und nippte an seinem Scotch. "Würden Sie Ihren Großvater töten wollen?" fragte er "Oder sonst irgendjemanden?"
"Nun... Hitler vielleicht," sagte ich schwach.
Der Zeitreisende lächelte, aber dieses Mal eher ironisch. "Viel Glück," sagte er. "Aber rechnen Sie nicht damit, dass es klappt."
Ich schüttelte meinen Kopf. "Aber gewiss wird alles, was Sie mir über die Zukunft erzählen, die Zukunft verändern," sagte ich.
"Ich habe Ihnen vor einem Jahr als Zeichen meiner Aufrichtigkeit ein ganzes Bündel Fakten gegeben," sagte der Zeitreisende. "Hat das irgendwas verändert? Haben Sie New Orleans vor der Überschwemmung gerettet?"
"Ich habe 50 Dollar gewonnen, die ich im Oktober auf die White Sox gewettet habe," gab ich zu.
Der Zeitreisende schüttelte nur den Kopf. "Quod erat demonstrandum,” sagte er weich. "Ich könnte Ihnen erzählen, dass der Mississippi überwiegend in südliche Richtung fließt. Würde Ihr Wissen darüber seinen Lauf oder seine Strömung ändern?"
Ich dachte darüber nach. Schließlich fragte ich, "Warum sind Sie wieder gekommen? Warum möchten Sie mit mir reden? Was wollen Sie, dass ich tue?"
"Ich bin aus meinen eigenen Gründen zurückgekommen," sagte der Zeitreisende und schaute sich in meinem mit Büchern gefüllten Arbeitszimmer um. "Ich habe Sie als Gesprächspartner ausgesucht, weil es.... zweckmäßig war. Und ich möchte nicht, dass Sie irgendeine gottverdammte Sache tun. Es gibt nichts, was Sie tun können. Aber entspannen Sie sich ... wir werden nicht über persönliche Dinge sprechen. Wie zum Beispiel das Jahr, den Tag und die Stunde Ihres Todes. Ich weiß diese trivialen Dinge nicht einmal, obwohl ich sie natürlich schnell nachsehen könnte. Sie können aufhören, sich so krampfhaft an den Kanten ihres Schreibtisches festzukrallen, dass Ihre Fingerknöchel weiß hervortreten."
Ich versuchte, mich zu entspannen. "Worüber möchten Sie dann reden?" fragte ich.
"Über den Jahrhundertkrieg," sagte der Zeitreisende.
Ich kniff die Augen zusammen und versuchte mich ein bisschen an Geschichte zu erinnern. "Sie meinen den Hundertjährigen Krieg? Fünfzehntes Jahrhundert? Vierzehntes? Irgendwas in der Gegend. Zwischen ... Frankreich und England? Heinrich V? Kenneth Branagh? Oder war es...."
"Ich meine den Jahrhundertkrieg gegen den Islam," unterbrach mich der Zeitreisende. "Ihre Zukunft. Jedermanns Zukunft." Er lächelte nicht mehr. Ohne zu fragen und ohne mir anzubieten, auch mein Glas nachzufüllen, stand er auf, füllte seinen Scotch nach und setzte sich wieder hin. Er sagte "Es war mir wichtig, zu diesem Zeitpunkt sehr früh in dem Kampf zurückzukommen. Wenn auch nur, um mir selber ins Gedächtis zu rufen, wie unaussprechlich blind Ihr wardt."
"Sie meinen den Krieg gegen den Terror," sagte ich.
"Ich meine den Langen Krieg gegen den Islam," sagte er. "Den Jahrhundertkrieg. Und er ist da, von wo ich herkomme, immer noch nicht vorbei. Nicht einmal annähernd vorbei."
"Man kann keinen Krieg gegen den Islam führen," sagte ich. "Man kann nicht in den Krieg gegen eine Religion ziehen. Gegen den radikalen Islam vielleicht. Gegen Djihadismus. Gegen ein paar Extremisten. Aber nicht gegen eine .... gegen die Religion selbst. Die überwältigende Mehrheit der Moslems auf der Welt sind friedliebende Menschen, die uns nichts Böses wollen. Ich meine.... ich meine, schon das Wort Islam selbst heißt Frieden."
"So habt Ihr Euch das eingeredet," sagte der Zeitreisende. Seine Stimme war sehr leise, aber sie hatte einen merkwürdigen und fast beängstigenden Unterton. Aber der 'Frieden' im Islam heißt 'Unterwerfung'. Ihr werdet das schon bald genug herausfinden."
Großartig, dachte ich. Von allen Zeitreisenden auf der Welt, kommt zu mir ausgerechnet dieses rassistische, fremdenfeindliche, rechtsradikale Arschloch.
"Seit Nine-eleven kämfen wir gegen den Terror," fing ich an, "aber nicht..."
Mit einem Wink brachte er micht zum Schweigen.
"Sie haben doch einen Abschluss in Philosophie von dieser kleinen Dorfuni, auf die Sie vor langer Zeit gegangen sind," sagte der Zeitreisende."Erinnern Sie sich daran, was ein Kategorischer Irrtum ist?"
Irgendwo klingelte es. Aber ich war noch zu verärgert darüber, dass er meine Alma Mater als kleine Dorfuni bezeichnet hatte, um mich voll zu konzentrieren.
"Ich werde Ihnen erklären, was es ist," sagte der Zeitreisende. "In der Philosophie und der formalen Logik - und es gibt Äquivalente dazu in den Natur- und Wirtschaftswissenschaften - ist Kategorischer Irrtum der Begriff dafür, dass man ein Problem so mangelhaft ausgedrückt oder definiert hat, dass es unmöglich wird, dieses Problem zu lösen, sei es mit dialektischen oder anderen Mitteln."
Ich wartete. Schließlich sagte ich mit fester Stimme, "Man kann keinen Krieg gegen eine Religion führen. Oder, ich will damit sagen... natürlich man könnte es schon ... die Kreuzzüge und all das ... aber es wäre falsch."
Der Zeitreisende nippte an seinem Scotch und sah mich an. Lassen Sie es sich mit einer Analogie erklären." sagte er.
Oh mein Gott, ich hasse Analogien und misstraue ihnen. Ich sagte gar nichts.
"Stellen wir uns vor," sagte der Zeitreisende, dass Präsident Franklin Delano Roosevelt am 8. Dezember 1941 vor dem versammelten Kongress eine Ansprache gehalten hätte, in der er gefordert hätte, der Fliegerei den Krieg zu erklären.
"Das ist absurd," sagte ich.
"Ist es das?" fragte der Zeitreisende. "Die amerikanischen Kriegsschiffe und Kreuzer, die Hafenanlagen, die Kasernen, die Flugplätze in Pearl Harbour und anderen Orten auf Hawaii wurden alle von japanischen Flugzeugen angegriffen. Stellen Sie sich vor, Roosevelt hätte am nächsten Tag der Fliegerei den Krieg erklärt ... und angekündigt, sie auszurotten, wo immer sie anzutreffen ist. Angekündigt, alle Ressourcen der Vereinigten Staaten von Amerika dafür einzusetzen, die Fliegerei zu besiegen, so wahr uns Gott helfe."
"Das ist einfach nur dumm," sagte ich. Wenn ich jemals Angst vor diesem Zeitreisenden gehabt hatte, so hatte ich die jetzt ganz bestimmt nicht mehr. Er war offensichtlich geistig behindert. "Diese Flugzeuge, die japanischen Flugzeuge," sagte ich "waren nur eine Angriffsmethode... ein Mittel.... es war nicht die Fliegerei, die uns in Pearl Harbour angriff, sondern das japanische Kaiserreich. Wir erklärten Japan den Krieg und wenige Tage später erklärte Deutschland aufgrund seines Bündnisvertrages mit Japan uns den Krieg. Wenn wir der Fliegerei den Krieg erklärt hätten, gottverdammten Flugzeugen anstatt dem Reich und der Ideologie, die sie losgeschickt hatten, hätten wir niemals...."
Ich hielt inne. Wie hatte er es noch einmal genannt? Kategorischer Irrtum. Das Problem unlösbar machen durch die eigene Unfähigkeit - oder Furcht - es korrekt zu definieren.
Der Zeitreisende lächelte mich aus dem Dunkel an. Es war ein kleines, dünnes, kaltes Lächeln - es hatte keinerlei Humor in sich, da war ich sicher - aber es war immer noch eine Art Lächeln. Es drückte eher Traurigkeit als hämische Freude aus, als mein plötzliches Schweigen sich hinzog.
"Was wissen Sie über Syrakus?" fragte er unvermittelt.
Ich kniff wieder die Augen zusammen. "Syracuse, New York?" sagte ich schließlich.
Er schüttelte langsam den Kopf. "Das Syrakus des Thukydides," sagte er sanft. "Syrakus circa 415 vor Christus. Das Syrakus, das Ziel der Athenischen Invasion war."
"Das war... im Peloponnesischen Krieg," wagte ich mich vorsichtig vor.
Er wartete auf mehr, aber ich konnte nicht mehr bieten. Ich liebe Geschichte, aber seien wir ehrlich.... das war antike Geschichte. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich hätte in der Lage sein müssen, etwas dazu zu sagen, oder mich zumindest daran zu erinnern, warum Syrakus im Peloponnesischen Krieg wichtig war oder warum dort gekämpft wurde oder wer genau gewonnen hatte oder.... wenigstens irgendetwas. Ich hasste es, mich neben diesem narbigen alten Mann wie ein dummer Schuljunge zu fühlen.
"Der Krieg zwischen Athen und seinen Verbündeten gegen Sparta und dessen Verbündete - ein Krieg, bei dem es um nichts weniger als die Vorherrschaft über die gesamte damals bekannte Welt ging - begann 431 vor Christus," sagte der Zeitreisende. "Nach siebzehn Jahren fast ständigen Kampfes ohne klaren oder dauerhaften Vorteil für eine der beiden Seiten, beschloss Athen - damals unter der Führung von Alkibiades - den Krieg auszuweiten und Sizilien zu erobern. 'Großgriechenland' nannten sie es damals, ein Gebiet voller Kolonien und damals der Schlüssel zum Seehandel wie es heute die Straße von Hormus im Persischen Golf ist."
Ich hasse es normalerweise, belehrt zu werden, aber etwas am Tonfall und Klang in der Stimme des Zeitreisenden - weich, tief, rau, vielleicht ein bisschen dick vom Whiskey - ließ all das mehr wie eine Geschichte klingen, die am Lagerfeuer erzählt wird. Oder vielleicht ein bisschen wie eine von Garrison Keillors Geschichten vom See in 'Prairie Home Companion'. Ich sank tiefer in meinen Sessel und hörte zu.
"Syrakus war kein direkter Feind der Athener," fuhr der Zeitreisende fort, "aber es lag mit einer Athenischen Kolonie in der Nähe im Zwist und die Athenische Demokratie nutzte das als Vorwand dafür, eine Großinvasion gegen es zu unternehmen. Es war eine riesige Sache - Athen schickte 136 Trireme, die besten Schlachtschiffe der Welt damals - und landete mit 5.000 Soldaten direkt unterhalb der Stadtmauern."
"Die Athener hatten in den vorhergehenden Jahren so viele militärische Erfolge, einschließlich ihrer Invasion von Melos, dass Thukidides schrieb: 'So gründlich hatte der Erfolg die Athener davon überzeugt, dass nichts und niemand ihnen widerstehen kann, und dass sie nicht nur erreichen können, was möglich war sondern auch das, was unmöglich war, und ungeachtet dessen, ob die Mittel geeignet oder ungeeignet waren. Der Grund dafür lag in dem außerordentlichen Erfolg, der sie dazu brachte, ihre Stärken mit ihren Hoffnungen zu verwechseln.'"
"Ohja, zur Hölle," sagte ich, "das wird eine Vorlesung über den Irak, stimmt's? Sehen Sie... ich habe letztes Jahr John Kerry gewählt und...."
"Hören Sie mir zu," sagte der Zeitreisende weich. Es war keine Bitte. Es lag Stahl in dieser sanften, rauen Stimme. "Nikias, der Athenische General, der schließlich die Invasion anführte, warnte 415 vor Christus davor. Er sagte: 'Wir dürfen uns keine Illusionen darüber machen, dass wir eine Stadt voller Fremder und Feinde vorfinden werden. Und wer so eine Unternehmung angeht, sollte bereit sein, vom ersten Tag seiner Landung an Herr über das Land zu werden, oder er wird scheitern und sich lauter Feindseligkeit gegenüber sehen.' Nikias und der Athenische Dichter und General Demosthenes sollten ihre Armeen in Syrakus zerstört sehen und beide wurden von den Syrakusern gefangen genommen und getötet. Sparta gewann in diesem zweijährigen Debakel der Athener mächtig hinzu. Der Krieg dauerte noch sieben weitere Jahre an, aber Athen erholte sich nie wieder von dieser Niederlage in Syrakus und wurde am Ende... von Sparta zerstört. Sparta eroberte Athen und seine Verbündeten, zerstörte die Athenische Demokratie, ruinierte das gesamte Kräftegleichgewicht und die griechische Vorherrschaft über die damals bekannte Welt... sie ruinierten alles. Und all das wegen einer Fehleinschätzung bei Syrakus."
Ich seufzte. Ich hatte die Nase voll vom Irak. Jeder hatte am Silvesterabend 2005 die Nase voll vom Irak, sowohl Bush-Anhänger als auch Bush-Hasser. Es war einfach nur ein hässlicher Schlamassel. "Sie hielten kürzlich Wahlen ab," sagte ich. "Das irakische Volk. Sie färbten ihre Finger blau und..."
"Ja, ja," unterbrach mich der Zeitreisende als ob er sich etwas viel weiter Zurückliegendes und viel Unwichtigeres als Athen gegen Syrakus ins Gedächtnis rufen müsste. "Die freien Wahlen. Die blauen Finger. Demokratie im Nahen Osten. Die Palästinenser wählen auch. Sie werden im kommenden Jahr schon sehen, was daraus wird."
Der Zeitreisende trank etwas Scotch, schloss seine Augen eine Sekunde lang und sagte, "Sun Tsu schreibt: Die Seite, die weiß, wann man kämpft und wann nicht, wird den Sieg davon tragen. Es gibt Straßen, auf denen man nicht reisen sollte, Armeen, die man nicht angreifen sollte und mit Mauern umgebene Städte, gegen die man nicht anstürmen sollte."
"In Ordnung, verdammt noch mal," sagte ich verärgert. "Sie haben Ihren Punkt gemacht. Wir hätten also nicht in den Irak einmarschieren sollen in diesem.... wie haben Sie es nochmal genannt? In diesem Langen Krieg gegen den Islam, in diesem Jahrhundertkrieg. Jetzt Ende 2005 fangen wir alle gerade an, das zu begreifen."
Der Zeitreisende schüttelte den Kopf. "Sie haben nichts von dem verstanden, was ich gesagt habe. Nichts. Die Athener scheiterten in Syrakus - und weihten ihre Demokratie dem Untergang - nicht, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort kämpften, sondern weil sie nicht erbarmungslos genug vorgingen. Sie waren weich geworden, nachdem sie jeden Mann und Jungen im kampffähigen Alter auf der Insel Melos niedergemetzelt, und jede Frau und jedes Mädchen von dort versklavt hatten. Die demokratischen Athener waren bezüglich Syrakus der Ansicht, sie könnten ohne absoluten Siegeswillen gewinnen, den Sieg davontragen, ohne gleichermaßen rücksichtslos und erbarmungslos zu sein wie ihre Feinde aus Sparta und Syrakus. Die Athener wandten sich, als schließlich die Niederlage drohte, gegen ihre eigenen Generäle und politischen Führer - und gegen ihre offiziellen Wahrsager. Wenn General Nikias oder Demosthenes ihre Gefangennahme überlebt hätten und zurückgekehrt wären, hätte das Volk, das sie mit Paraden und gestreuten Blüten verabschiedet hatte, in Stücke gerissen. Sie beschuldigten ihre eigenen Führer, wie ein Hund mit Sonnenstich anfängt, sich in den eigenen Bauch zu beißen."
Ich ließ mir das durch den Kopf gehen. Ich hatte keine Ahnung, was zur Hölle er damit sagen wollte und wie es mit der Zukunft zusammenhing.
"Sie sind in der Zeit zurückgereist, um mir eine Vorlesung über Thukidides zu halten?" sagte ich. "Athen? Syrakus? Sun Tsu? Tut mir leid, Herr Zeitreisender, aber wer schert sich schon um sowas?"
Der Zeitreisende stand so abrupt auf, dass ich in meinem Sessel zurückschreckte, aber er füllte nur seinen Scotch nach. Dieses Mal füllte er auch mein Glas auf. "Sie sollten sich wahrscheinlich schon darum scheren", sage er sanft. "2006 werdet Ihr auf Eurer eigenen Nation so heftig herumhacken - auf der einzigen Nation auf Erden, die wirklich gegen das wiederauferstehende islamische Kalifat kämpft in diesem langen Kampf um nichts Geringeres als die Zukunft der Zivilisation - und Ihr werdet so damit beschäftigt sein, Euch selbst zu kritisieren und zu versuchen, kurzfristige politische Vorteile zu erzielen, dass Ihr alle vergessen werdet, dass tatsächlich ein Krieg um Euer Überleben stattfindet. In 25 Jahren wird von allen Männern und Frauen in Amerika, die wählen wollen, erwartet werden, Thukidides zu lesen. Und in anderen Ländern ebenso. Und es wird Tests geben. Wer nichts über Geschichte weiß, wählt nicht.... und kann sich erst recht nicht zur Wahl stellen. Amerikas Ferien vom Geschichtswissen enden schon sehr bald ... für Euch, meine ich. Und für die wenigen anderen Überlebenden, die noch wählen dürfen."
"Sie verarschen mich," sagte ich.
"Ich verarsche Sie nicht," sagte der Zeitreisende.
"Die wenigen anderen Überlebenden, die noch wählen dürfen?" sagte ich, wobei mich die Worte wie hart geworfene Steine trafen. "Worüber zur Hölle reden Sie? Hat unsere Regierung in der schrecklichen Zukunft, aus der Sie kommen, uns all unsere bürgerlichen Freiheiten weggenommen?"
Er lachte, und dieses Mal war es ein tiefes, herzliches, wirklich amüsiertes Lachen. "Oh ja," sagte er, während sein Lachen etwas abebbte. Er rieb sich doch tatsächlich eine Träne aus seinem gesunden Auge. "Eure Ängste, dass Eure ... bürgerlichen Freiheiten ... von Euren eigenen Regierungen eingeschränkt werden könnten, in diesen letzten Jahren, in denen Dummheit noch erlaubt ist, 2005, 2006 und 2007, hatte ich doch fast vergessen. Wie genau sehen Sie Repressionen auf sich zukommen?"
"Also..." sagte ich. Ich hasse es, wenn ich einen Satz mit 'also' anfange, insbesondere in einem Streitgespräch. "Also, der Patriot Act. Der es Bush ermöglicht, Amerikaner auszuspionieren, ... internationale Telefongespräche und so. Oh... und ja, ich glaube Moscheen stehen in den Staaten unter FBI-Überwachung. Ich meine, sie möchten überprüfen, was für Bücher wir ausleihen und lesen, um Gottes Willen. Big Brother. 1984. Sie wissen schon."
Der Zeitreisende lachte schon wieder, aber dieses Mal war sein Lachen härter. "Ja, ich weiß," sagte er. "Wir alle wissen es.... bei uns in der Zukunft, die ein paar von Euch als freie Menschen sehen werden. Bürgerliche Freiheiten. 2006 fürchtet Ihr Euch immer noch zuallererst vor Euren eigenen Institutionen aus alter Gewohnheit. Eine nicht ganz würdelose - aber verhängnisvoll irregeleitete und schließlich auch masochistische - Paranoia. Ich werde Ihnen jetzt gleich erzählen, und das ist keine Vorhersage sondern eine Lektion in Geschichte, dass einige Ihrer Enkel in Dhimmitude leben werden."
"Zimmi....was?" sagte ich.
Er buchstabierte es. Was wie ein weiches 'z' geklungen hatte, war ein 'dh'. Ich hatte das Wort nie zuvor gehört und sagte ihm das auch.
"Dann kriegen Sie Ihren Arsch hoch und googeln Sie danach" sagte der Zeitreisende, während in seinem gesunden Auge etwas wie Zorn aufflammte. "Dhimmitude. Sie können auch nach dem Wort 'Dhimmi' suchen, denn so werden zwei von dreien Ihrer Enkelkinder genannt werden. Dhimmis. Dhimmitude ist das System des separierenden und unterdrückerischen Rechts, unter dem sie leben werden. Suchen Sie auch gleich nach dem Wort 'Scharia', wenn Sie schon dabei sind, nach 'Dhimmi' zu googeln, denn das ist das Gesetz, dem sie als Dhimmis unterworfen sein werden, die einzige Gerechtigkeit, auf die sie hoffen können... sie und zehn und hundert Millionen andere, die sich heute in Ihrer Zeit um unsichtbare Einschränkungen ihrer 'bürgerlichen Freiheiten' durch ihre 'unterdrückerischen' amerikanischen und europäischen demokratisch gewählten Regierungen sorgen."
In seinen letzten Worte schwang hörbarer Hohn mit. Ich fragte mich inzwischen, ob der Zorn, den ich ihm anmerkte, auf seiner Verrücktheit beruhte, oder ob es vielleicht genau umgekehrt war.
"Wo werden meine Enkel diese Dhimmitude erleiden?" fragte ich. Mein Mund fühlte sich mit einem Mal so trocken an, dass ich kaum sprechen konnte.
"Eurabia" sagte der Zeitreisende.
"Einen derartigen Ort gibt es nicht." sagte ich.
Er starrte mich mit seinem einen Auge an. Mein Magen fing plötzlich an, zu rebellieren, und ich wünschte, ich hätte keinen Scotch getrunken. "Worte," sagte ich.
Der Zeitreisende hob eine seiner vernarbten Augenbrauen.
"Letztes Jahr gaben Sie mir Worte über 2005," sagte ich. "Die Art Worte, die der Protagonist aus Ken Grimwoods Replay in die Zeitungen gesetzt hätte, um Leidensgenossen zu finden. Geben sie mir mehr Worte. Oder, vielleicht besser als das, sagen Sie mir verdammt noch mal, worüber Sie reden. Sie sagten, es wäre egal. Sie sagten, dass es nichts ändern würde, wenn ich etwas von der Zukunft weiß, dass es genauso wenig ändern würde, wie ich die Strömung des Mississippi ändern kann. Deshalb sagen Sie es mir gottverdammtnochmal."
Und dann begann er, mir Worte zu geben. Schon während ich sie niederkritzelte, dachte ich daran, wie ich kürzlich von der Begeisterung gelesen hatte, mit der die Viktorianischen Engländer und die anderen Europäer und Amerikaner das 20. Jahrhundert begrüßten. Die Trinksprüche, insbesondere die der intellektuellen Elite, am Silvesterabend 1899 befassten sich mit der kommenden Herrlichkeit der Technologie, die ihnen Freiheit bringen sollte, mit der unmittelbar bevorstehenden zweiten Aufklärung, was menschliches Verständnis anging, mit der Sicherheit einer kommenden Eine-Welt-Regierung und dem Ende des Krieges für alle Zeit.
Und welche Worte hätte stattdessen ein Zeitreisender oder ein armes Replay-Opfer in die London Times oder Berliner Zeitung oder New York Times am 1. Januar 1900 gesetzt, um seine in der Zeit versetzten Leidensgenossen zu finden? Auschwitz, da bin ich sicher, und Hiroshima und Trinity Site und Holocaust und Hitler und Stalin und...
Die Uhr in meinem Arbeitszimmer schlug Mitternacht.
Jesus Gott! Wollte ich wirklich solche Worte über 2006 und den Rest des 21. Jahrhunderts von dem Zeitreisenden hören?
"Achmedinedschad," sagte er sanft. "Natanz. Arak. Bushehr. Isfahan. Bonab. Ramsar."
"Diese Worte sagen mir nicht das Geringste" sagte ich, während ich sie nach Gehör niederkritzelte. "Was ist das? Was bedeuten sie?"
"Sie werden das schon noch früh genug erfahren," sagte der Zeitreisende.
"Sprechen Sie von .... was?.... den nächsten fünfzehn oder zwanzig Jahren?" fragte ich.
"Ich spreche von den nächsten fünfzehn oder zwanzig Monaten von heute an," sagte er sanft. "Wollen Sie mehr Worte?"
Nein, wollte ich nicht. Aber ich brachte keinen Ton heraus.
“General Seyed Reza Pardis,” dozierte der Zeitreisende. “Shehab-eins Shehab-zwei, Shehab-drei. Tel Aviv. Der Internationale Flughafen in Bagdad. Der Luftstützpunkt Al Salem in Kuwait, der US-Army-Stützpunkt Camp Dawhah in Kuwait, der Luftstützpunkt al Seeb in Oman, der Army- und Luftstützpunkt al Udeid in Qatar. Haifa. Beersheba. Dimona.”
"Oh verdammt," sagte ich. "Oh Jesus." Ich hatte nicht die Spur einer Ahnung, was Shehab eins, zwei oder drei sein könnten, aber der Zusammenhang und die Litanei lösten in mir das Gefühl aus, mich übergeben zu müssen.
"Das ist nur der Anfang," sagte der Zeitreisende.
"War der Anfang nicht der 11. September 2001?" brachte ich durch meine betäubten Lippen hervor.
Der einäugige, narbige Mann schüttelte den Kopf. "Historiker meiner Zeit wissen, dass es am 5. Juni 1968 begann," sagte er. "Aber es hat für Euch bis jetzt noch nicht wirklich begonnen. Für keinen von Euch."
Ich dachte nach - was um Himmels willen war am 5. Juni 1968 passiert? Ich bin alt genug, um mich daran erinnern zu können. Ich war damals auf dem College. Ich habe in jenem Sommer gearbeitet und.... Kennedy. Das Attentat auf Robert F. Kennedy. 'Auf nach Chicago und zur Nominierung!' Sirhan Sirhan. Wollte der Zeitreisende mir eine dilettantische Version einer Verschwörungstheorie wie aus Oliver Stones JFK-Film aufbinden?
"Was...." begann ich.
"Galveston," unterbrach mich der Zeitreisende. "Die Space Needle. Bank of America Plaza in Dallas. Renaissance Tower in Dallas. Das Bank One Center in Dallas. Das Indianapolis 500-Autrennen - eine Stunde und dreiundzwanzig Minunten nach dem Start. Das Bell South Building in Atlanta. Die Transamerica Pyramide in San Francisco...."
"Stop," sagte ich. "Hören Sie einfach auf."
"Die Golden Gate Bridge," fuhr der Zeitreisende unbeirrt fort. "Das Guggenheim-Museum in Bilbao. Der Neue Reichstag in Berlin. Albert Hall. Die St. Pauls Kathedrale..."
"Halten Sie Ihr verdammtes Maul!" schrie ich. "All diese Dinge können nicht im Rest des Jahrhunderts verschwinden, gottverdammter Jahrhundertkrieg hin oder her! Ich glaube das nicht."
"Ich habe nicht vom Rest des Jahrhunderts gesprochen," sagte der Zeitreisende, seine brüchige Stimme war fast nur noch ein Flüstern. "Ich spreche von den nächsten fünfzehn Jahren. Und ich habe nicht einmal richtig angefangen."
"Sie sind verrückt," sagte ich. "Sie kommen nicht aus der Zukunft. Sie sind aus irgendeinem Irrenhaus ausgebrochen."
Der Zeitreisende nickte. "Das ist näher an der Wahrheit als Sie wissen," sagte er. "Ich komme von einem Ort und aus einer Zeit, wo Ihre Enkel und Hunderte Millionen anderer Dhimmis gezwungen sind 'pbuh' hinter den Namen des Propheten zu schreiben. Sie tragen aufgenähte goldene Kreuze und goldene Davidsterne an ihrer Kleidung. Die Nazis haben das Tragen des Judensterns - die Markierung und Ausgrenzung von Juden aus der Gesellschaft - nicht erfunden. Moslems haben das Jahrhunderte zuvor getan, in den Ländern, die sie eroberten, in Europa und anderswo. Sie werden das System in den Ländern, die sie in den Jahrzehnten, die vor Ihnen liegen, erobern werden, verfeinern und modernisieren, allerdings nicht in eine gnädigere Richtung."
"Sie sind wahnsinnig," schrie ich und stand auf. Meine Hände waren zu Fäusten geballt. "Der Islam ist eine Religion .... eine Religion des Friedens ... nicht unser Feind. Wir können keinen Krieg gegen eine Religion führen. Das ist obszön."
"Haben Sie den Koran gelesen und die Sunna gelernt?" fragte der Zeitreisende. "Es würde sich ziemen, dass Sie das tun. Dhimmi heißt 'Schutzbefohlener'. Und Ihre Kinder und Enkel werden beschützt werden .... beschützt wie Vieh."
"Fahren Sie zur Hölle," sagte ich.
"Eure Dhimmi-Kopfsteuer wird Djiziah heißen," sagte der Zeitreisende. Seine Stimme klang mit einem Mal sehr müde. "Eure Landsteuer, die Ihr als Ungläubige, auch als Völker des Buches - Christen und Juden - bezahlt, wird Kharaz heißten. Diese beiden Steuern kommen zum Zwangsalmosen - dem Zakat - noch hinzu. Die Strafe für Nichtbezahlen oder zu spätes Bezahlen, eine Strafe, die von Eurem lokalen Kadi, dem religiösen Richter, zugemessen wird, ist der Tod durch Steinigung oder Enthauptung."
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und sah nicht mehr in die Richtung des Zeitreisenden.
"Unter der Scharia - die das universelle Gesetz Eurabias sein wird," fuhr der Zeitreisende unbeirrt fort, "ist das Lebens eines Dhimmis, das Leben eines Ihrer Enkel halb so viel wert wie das eines Moslems. Und das gilt nur für Juden und Christen. Indische Parsen sind nur ein Fünfzehntel wert. In einem Gerichtshof des Eurabischen Kalifats oder des Globalen Kalifats wird ein Moslem, der einen Dhimmi, irgendeinen Ungläubigen, getötet hat, zu einer Blutgeldstrafe verurteilt werden, die tausend Euro nicht übersteigt. Kein Moslem wird jemals für den Mord an einem Dhimmi oder einer beliebigen Anzahl von Dhimmis zum Tod oder zu Gefängnis verurteilt werden. Wenn die Morde im Rahmen des Universellen Obligatorischen Djihads verübt werden, der von der Scharia 2019 ausgerufen werden wird, fallen auch die Blutgeldstrafen weg."
"Verschwinden Sie," sagte ich. "Gehen Sie dahin, wo Sie hergekommen sind."
"Ich komme von hier," sagte der Zeitreisende. "Von gar nicht weit weg."
“Bullshit” sagte ich.
"Eure Feinde haben sich gesammelt und dann zugeschlagen und sie schlagen immer weiter zu, und Ihr, die Unschuldslämmer von 2006, beißt Euch in Eure eigenen Bäuche, Ihr beschuldigt Eure Brüder und Euch selbst und die Institutionen der Aufklärung - Recht, Toleranz, Wissenschaft, Demokratie - während Eure Feinde immer stärker werden."
"Woher sollen wir wissen, wer unsere Feinde sind?" knurrte ich ihn an. "Die Welt ist komplex. Moral ist eine komplexe Sache."
"Euer Feind ist der, der sein Leben gibt, um Euch zu töten," sagte der Zeitreisende. "Eure Feinde sind die, die Euch und Eure Kinder und Enkel tot sehen wollen und die bereit sind, sich selbst dafür zu opfern, oder die Fanatiker zu unterstützen, die sich selbst dafür opfern, Euch und Eure Institutionen zerstört zu sehen. Ihr habt das bis jetzt noch nicht rausgefunden - die Mehrheit von Euch fetten, schlafenden, selbstgefälligen und unendlich dummen Amerikanern und Europäern."
Er stand auf und stellte sein Scotchglas zurück an seinen Platz in meiner Anrichte. "Wir fragen uns in unserer Zeit," sagte er sanft, "wie Ihr nur den Großteil einer Milliarde Menschen ignorieren konntet, die laut und deutlich sagen, dass sie Eure Kinder töten wollen .... oder die es begrüßen und feiern, wenn sie getötet werden. Und sie dann immer noch ignorieren, wenn sie tun, was sie sagen. Wir verstehen Euch nicht."
Ich hatte ihm mein Gesicht immer noch nicht wieder zugewandt, aber ich schaute ihn über meine Schulter hinweg an.
"Die Welt ist, wie sich herausstellen wird," fuhr der Zeitreisende fort, "nicht einmal annähernd so komplex, wie Ihr sie Euch in Euren liberalen und vornehmen Hirnen ausmalt."
Ich gab keine Antwort.
"Thukidides lehrte uns schon vor mehr als vierundzwanzig Jahrhunderten - von Ihrer Zeit aus gerechnet - dass das Verhalten aller Menschen von Phobos, Kerdos und Doxa gelenkt wird," sagte der Zeitreisende. "Furcht, Eigeninteresse und Ehre."
Ich tat so, als ob ich ihn nicht hören würde.
"Plato sah das menschliche Verhalten als Wagen, der von genau diesen drei starken und eigensinnigen Pferden gezogen wird, erst in die eine Richtung gezerrt, dann in eine andere gezogen," fuhr der Zeitreisende fort. "Phobos, Kerdos, Doxa. Furcht, Eigeninteresse, Ehre. Welches dieser drei zieht den Wagen Eurer Nation und den Eurer Verbündeten in Europa und Eurer so erstaunlich zerbrechlichen Zivilisation heute, oh Mann aus dem Jahr 2006?"
Ich starrte auf das Bücherregal anstatt auf den Mann und wünschte, er wäre fort, ich wünschte ihn fort, wie ein schläfriger kleiner Junge das Monster unter seinem Bett fortwünscht.
"Welche Kombination dieser drei Antriebskräfte - Phobos, Kerdos, Doxa - wird Eure Welt retten oder zum Untergang verdammen?" fragte der Zeitreisende. "Welche wird Euch aus Euren Ferien von der Geschichte - von ihrer Verantwortung und ihrer Bürde - , die Ihr Euch selbst so großzügig gewährt habt, zurückholen? Ihr friedensbewegten Europäer. Ihr Bürgerrechte liebenden Amerikaner. Ihr Athener ohne Rückgrat mit Eurer Liebe zu Euren eigenen übersteigerten Sensibilitäten und Eurem Vorhaben, Euch in einen weltweiten Krieg um das Überleben der Zivilisation zu stürzen, während Ihr doch zu zaghaft seid, zu ängstlich .... zu anständig ... um der Erbarmungslosigkeit Eurer Feinde etwas entgegenzusetzen."
Ich schloss meine Augen, aber das brachte seine Stimme nicht zum Verstummen.
"Vielleicht verstehen Sie wenigstens, dass derartige Anständigkeit recht schnell verschwindet, wenn man seine Kinder und Enkel zu Grabe trägt," sagte der Zeitreisende rau. "Oder wenn man mit ansehen muss, wie sie in der Sklaverei leiden. Rücksicht, die man einer totalitären Aggression entgegenbringt, macht die Rücksichtslosigkeit, die später notwendig wird, nur schrecklicher. Tausende von Jahren Geschichte des Krieges hätten Euch das eigentlich lehren sollen. Habt Ihr Narren nichts daraus gelernt, dass Ihr in dem Schlachthaus gelebt habt, das man das 20. Jahrhundert nennt?"
Ich hatte genug. Ich öffnete die Augen, drehte mich um und fasste in die oberste linke Schublade meines Schreibtischs und zog den 38er Revolver heraus, den ich schon seit 23 Jahren besaß und bisher nur zwei Mal abgefeuert hatte, beide Male auf Schießständen kurz nachdem ich ihn geschenkt bekommen hatte.
Ich richtete die Waffe auf den Zeitreisenden. "Raus!" sagte ich.
Er zeigte keinerlei Reaktion. "Wollen Sie noch mehr Worte?" fragte er sanft. "Ich gebe Ihnen noch mehr Worte. Ich gebe Ihnen acht Millionen tote Juden in Israel - zu Asche verbrannt - und noch mehr tote Juden in Eurabia und überall auf der Welt. Ich gebe Ihnen Europa, der ganze Kontinent um mehr als 500 Jahre zurückgeworfen in armselige, sich gegenseitig mit Krieg überziehende Zivilisationen."
"Raus!" sagte ich nochmal und zielte höher mit dem Revolver."
"Ich gebe Ihnen Asien im Chaos, eine von China beherrschte pazifische Inselwelt nach dem Rückzug Amerikas, der Nation, deren volle Ressourcen für den Kampf im Jahrhundertkrieg eingesetzt werden, und den sie möglicherweise dennoch verliert - ich gebe Ihnen Südamerika und Mexiko versunken in Korruption und Appeasement, ein wieder aufsteigendes Russisches Reich, das die ehemals beherrschten Republiken und noch mehr zurückgefordert hat, ein Kanada, das in drei hasserfüllte Nationen zerbrochen ist.
Ich spannte die Waffe. Der Klick war sehr laut in dem kleinen Raum.
"Wir haben von Erbarmungslosigkeit gesprochen," sagte der Zeitreisende. "Wenn Ihr es auch anfänglich nicht begreifen könnt, so werdet Ihr es doch in dem Krieg, den Ihr zugelassen habt, recht schnell lernen. Möchten Sie die Litaneien aus den islamischen Heiligtümern und Städten hören, die in den kommenden Jahrzehnten nach den atomaren Zweitschlägen aufblühen werden?"
"Raus!" sagte ich ein letztes Mal. "Ich bin erbarmungslos genug, Sie zu erschießen und bei Gott, ich werde es tun, wenn Sie nicht verschwinden."
Der Zeitreisende nickte. "Wie Sie wünschen. Aber Sie sollten noch zwei letzte Worte hören, zwei letzte Namen ... Religionsrichter Ubar ibn al-Khattab und Rektor-Imam Ismail Nawahda der Neuen Al-Azhar Universität in London, die Teil der 200.000 Menschen fassenden Goldenen Moschee des Neuen Kalifats von Eurabia ist.
"Was haben diese Namen mit mir zu tun oder ich mit ihnen?" fragte ich. Mein Finger war am Abzug der 38er.
"Diese religiösen Autoritäten saßen dem islamischen Tribunal vor, das zwei Dhimmis zum Tod durch Steinigung und Enthauptung verurteilte," sagte der Zeitreisende. "Die Dhimmis waren Ihre beiden Enkel, Thomas und Daniel."
"Was war ... was wird ihr Verbrechen sein?" brachte ich schließlich nach einer langen Minute heraus. Meine Zunge fühlte sich wie ein Bündel rauer Baumwolle an.
"Sie trafen sich mit zwei muslimischen Frauen - Thomas während er in London auf Geschäftsreise war, und Daniel während er seine alte Mutter, Ihre Tochter, in Kanada besuchte - ohne zuvor zum Islam zu konvertieren. Dieser Teil der Scharia, des islamischen Rechts, heißt Hudud, in meiner Zeit wissen wir einiges darüber. Ihre Enkel wussten nicht, dass die jungen Frauen Muslimas waren, weil sie beide modern gekleidet waren - womit sie natürlich gegen die eiserne Regel der Hijab-Keuschheit ihrer eigenen Gesellschaft verstießen. Die Mädchen starben, wie ich hörte, auch, aber nicht aufgrund von Scharia-Urteilen. Ihre Brüder und Väter ermordeten sie. Ehrenmorde... ich vermute, sie haben den Begriff bis 2006 schon einmal gehört."
Wenn ich ihn erschießen wollte, musste ich es jetzt tun. Meine Hand zitterte von Sekunde zu Sekunde mehr.
"Natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein einziger Scharia-Gerichtshof in London Ihre beiden Enkel zum Tod für zwei gleiche Verbrechen an so weit auseinanderliegenden Orten wie London und Quebec verurteilt, zu gering, als dass man an einen Zufall glauben kann," fuhr der Zeitreisende fort. "Tatsächlich wurden sie beide diesen muslimischen Mädchen vorgestellt, ohne zu wissen, dass es Muslimas waren, und sie gingen nur ein einziges Mal mit ihnen essen, und zwar gleichzeitig in zwei so weit voneinander entfernten Städten. Und Thomas war verheiratet. Ich weiß, dass er dachte, es handele sich um ein Geschäftsessen mit einer Kundin."
"Was..." begann ich und der Arm, mit dem ich die Pistole hielt, zitterte wie in Schüttellähmung.
Der Zeitreisende lachte ein letztes Mal. "All die Namen Ihrer Enkel stehen auf einer Liste. Sie haben etwas geschrieben.... oder werden bald etwas schreiben.... das Ihren Namen und die Namen all Ihrer Nachkommen auf diese Liste bringen wird. Einschließlich des Namens Ihres einzigen überlebenden Enkels."
Ich öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.
"Nach den eigenen Schriften der Moslems, die wir in meiner Zeit alle kennen," fuhr der Zeitreisende fort, "waren nach Hadith Malik 511:1588 die letzten Worte Mohammeds: 'Oh Herr, vernichte die Juden und Christen. Sie haben aus den Gräbern ihrer Propheten Kirchen gemacht. Es darf keine zwei Religionen in Arabien geben'. Und die gibt es auch nicht. Alle Ungläubigen - Christen, Juden, Säkularisten - wurden hingerichtet, konvertiert oder vertrieben. Israel ist zu Asche verbrannt. Eurabia und das Neue Kalifat wachsen und verschlucken, was von den alten schwachen Kulturen noch übrig ist, die einst den Traum der Europäischen Einigung träumten. Der Jahrhundertkrieg ist nicht einmal annähernd zu Ende. Zwei Ihrer drei Enkel sind inzwischen tot. Ihr letzter Enkel kämpft noch und eine Ihrer überlebenden Enkelinnen auch. Zwei Ihrer drei überlebenden Enkelinnen leben inzwischen unter der Scharia, unter der Herrschaft des Kalifats. Sie sind Frauen unter dem Schleier."
Ich ließ die Pistole sinken.
"Genieß diese letzten Tage und Monate und Jahre Deines Schlummers, Großvater," sagte der vernarbte alte Mann. "Dein Weckruf kommt bald."
Der Zeitreisende sagte drei letzte Worte und verschwand.
Ich legte die Pistole weg - und stellte viel zu spät fest, dass sie nie geladen gewesen war - und setzte mich hin, um dies hier niederzuschreiben. Ich konnte es nicht. Ich wartete drei Monate, bis ich es wieder versuchte.
Oh Gott, ich wünschte, dass jemand kommen würde, um mich aus diesem Albtraum aufzuwecken.
Es waren nicht die Schrecken seiner Offenbarungen über meine Enkel, die mich am tiefsten getroffen und aus der Fassung gebracht hatten, sondern die drei letzten Worte des Zeitreisenden. Drei Worte, auf die jeder Replayer oder Zeitreisende, der aus einem späteren Jahrhundert hierherkommen würde, zuerst und am emotionalsten reagieren würde - drei Worte, die ich hier nicht aufschreiben werde und die ich mit niemandem teilen werde, zumindest so lange nicht, bis jeder auf Erden sie kennt - drei Worte, die mir in den Monaten und Jahren, die vor mir liegen, nachts den Schlaf rauben werden.
Drei Worte.